Alissa jagt die Piraten

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    27-Dec-2016

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  • Alissa jagt die Piraten Kir Bulytschow

    Der Kinderbuchverlag Berlin

    ISBN 3-358-00467-8

    1. Auflage 1988 DER KINDERBUCHVERLAG BERLIN - DDR 1988

    (fr diese Ausgabe) Verlag Lumina, Kischinjow 1984

    Lizenz-Nr. 304-270/62/88 Gesamtherstellung: Karl-Marx-Werk Pneck V 15/30

    LSV 7733 Fr Leser von 10 Jahren an

    Bestell-Nr. 633 1518 00670

  • Inhalt ERSTER TEIL Der Gast aus der Vergangenheit 1. Und wenn nun eine Schlange hinter der Tr ist? 2. Nein, das ist nicht Indien 3. Der gleichaltrige Grovater 4. Liebst du Mangomelonen? 5. Der Autobus fhrt nirgendwohin 6. Auf zum Kosmodrom! 7. Wie kommt man auf ein Raumschiff? 8. Schwarzfahrer in der Vase 9. Die Mierfolge der Piraten 10. Ein Besuch im Kosmoszoo 11. Gib acht auf das Myelophon! 12. Zurck zur Zeitmaschine! ZWEITER TEIL Die drei Koljas 1. Sie kann sich an nichts erinnern 2. Wir haben drei Koljas in der Klasse 3. Ich bin doch dein Papa! 4. Wie sich alles zugetragen hat 5. Die Schuhe des Doktors 6. Die Flucht 7. Die Retter 8. Wir werden gemeinsam lernen 9. Ich habe sie noch nie gesehn 10. Der Ersatzspieler 11. Das ist ein Bandit aus der Zukunft 12. Handfeste Beweise 13. Ein seltsames Mdchen 14. Frag den Sadowski 15. Ein Supergirl 16. Sie ist gefhrlich 17. Zweimal Alla Sergejewna 18. Ischutin hlt sich raus 19. Kriegsrat 20. Die Suche geht weiter 21. Ischutin wird entlarvt 22. Leb wohl, Supergirl!

  • ERSTER TEIL Der Gast aus der Vergangenheit 1. Und wenn nun eine Schlange hinter der Tr ist? Koljas Eltern sind verhltnismig jung - noch keine vierzig, Auch sie selber halten sich keineswegs fr alt; sie haben sich ein Boot gekauft, basteln daran herum, htscheln es, schleppen es an Land und lassen es wieder zu Wasser. Sie laden Gste ein, um Schaschlyk zu braten und ber Wassertouristik zu reden. Doch was sind das, bei Licht besehn, schon fr Touristen. Sie knnen nicht das geringste mit ihrem Glck anfangen. Voriges Jahr zum Beispiel schipperten sie zwei Wochen ber die Wolga, legten aber nur ganze hundert Kilometer zurck - zum Totlachen! Kolja findet es langweilig mit ihnen, ihre Romantik sagt ihm nicht zu, sie ist ihm zu komfortabel, Und so weigerte er sich an jenem Sonntag im April kategorisch, ihnen beim Lackieren dieses Prunkstckes, der Tschaika, zu helfen. Er behauptete, am nchsten Tag eine Klassenarbeit schreiben zu mssen, und die Eltern waren so gerhrt von seiner Gewissenhaftigkeit, da sie ihm seinen Willen lieen. Auf diese Weise hatte Kolja pltzlich einen vllig freien Sonntag vor sich ohne Eltern und ohne Pflichten, er konnte frhlich in den Tag hinein leben, wie einst der griechische Philosoph Epikur. Als Kolja erwachte, waren die Eltern bereits fort. Auf dem Tisch lagen ein Zettel mit der Bitte, Kefir zu holen, und ein Rubel. Am Morgen glaubt man, so ein freier Tag sei unendlich lang, deshalb lie Kolja sich Zeit. Er schaltete das Radio auf volle Lautstrke und berlegte, wen er anrufen knnte. Doch es war noch zu frh, seine Freunde schliefen gewi alle. Also beschlo er, den Kefir zu holen. Er nahm den Rubel, eine Tasche, leere Flaschen und trat auf die Treppe hinaus. Auf der Treppe kamen ihm zwei Sanitter mit einer zusammenklappbaren Trage entgegen. Sie waren schon lter und krftig, erinnerten an Transportarbeiter, nur da sie weie Kittel und Kppis trugen. Kolja blieb stehen und bemerkte, da die Tr des Nachbarn lediglich angelehnt war; Stimmen drangen aus der Wohnung. Die Sanitter verschwanden mit der Trage hinter dieser Tr - dem Mieter, Nikolai Nikolajewitsch, mute etwas zugestoen sein. Der Mann lebte allein, war oft auf Dienstreise, doch ber seine Arbeit wute Kolja nichts. Er beschlo zu warten. Bald darauf ffnete sich die Tr, und die Sanitter kamen mit der Trage heraus, auf der Nikolai Nikolajewitsch lag, bla und fast bis zum Hals zugedeckt. Ein junger Arzt mit dickem Kfferchen folgte ihnen, er blieb an der Schwelle stehen und fragte: Was soll mit der Wohnung werden? In diesem Augenblick bemerkte Nikolai Nikolajewitsch, sichtbar erfreut, den jungen. Gr dich, Namensvetter, sagte er leise. Gut, da ich dich treffe. Mein Herz macht Schwierigkeiten, weit du. Ein Pech ist das! Keine Bange, erwiderte Kolja, Sie werden wieder gesund. Danke fr die guten Worte. Ich htte eine Bitte an dich: Nimm meinen Schlssel. Ich erwarte dieser Tage einen Freund aus Murmansk, und er wei, da der Schlssel bei euch liegt, wenn ich nicht zu Hause bin. Aber klar, wie immer, sagte Kolja. Und dann, an den Arzt gewandt: Ziehen Sie die Tr einfach ran, und geben Sie mir den Schlssel. Kolja begleitete Nikolai Nikolajewitsch hinunter. Die Sanitter schoben die Trage behutsam in den Krankenwagen - Herzpatienten brauchten absolute Ruhe. Wann werden Sie wieder rauskommen? fragte Kolja den Nachbarn, der bereits im Wagen lag. In einem Monat, vielleicht auch eher. Ich rufe an, sobald ich aufstehn darf.

  • ja, rufen Sie an, ich komm Sie besuchen, versprach Kolja. Vielleicht mchten Sie auch etwas Obst, sagen Sie nur, was Sie brauchen. Mein Freund aus Murmansk wollte mir eine bestimmte Medizin bringen, ich verla mich auf dich. Geht schon klar, erwiderte Kolja, meine Eltern helfen Ihnen gleichfalls gern. Der Krankenwagen fuhr eilig davon - zur Sklifassowskiklinik, wie Kolja vom Arzt erfuhr. Der junge stand da, sah dem Wagen hinterher. Nikolai Nikolajewitsch tat ihm leid; der Nachbar war ein sympathischer Mann, der einem niemals mit Belehrungen oder Moralpredigten kam und mit dem es sich interessant reden lie. Dann ging Kolja in den Laden, um Kefir zu kaufen. Als er bezahlen wollte, geriet ihm der Schlssel der Nachbarwohnung in die Finger, und er nahm sich vor, ihn gleich, wenn er zurck war, an gut sichtbarer Stelle im Flur aufzuhngen: Sollte der Freund aus Murmansk kommen, wre der Schlssel sofort zur Hand. Doch zu Hause angelangt, kam Kolja eine andere Idee. Die Sache war nmlich die, da auf dem Schreibtisch von Nikolai Nikolajewitsch das Modell einer Fregatte stand. Sie war aus Holz, besa gewaltige Segel, Wanten aus Bindfaden und Kanonen aus Kupfer. Der Nachbar hatte einmal gesagt, diese Fregatte bestnde aus zweitausend Einzelteilen und sei die genaue Kopie eines richtigen Schiffes. Kolja betrachtete das Modell sehr gern; wenn man davorsa und die Augen zukniff, konnte man sich direkt vorstellen, wie es ber den Ozean glitt, mit schlaffen Segeln, weil schon die zweite Woche Windstille herrschte. Als Fima Koroljow, ein Mitschler von Kolja, von der Fregatte erfahren hatte, wollte er mit zu Nikolai Nikolajewitsch. Doch Kolja hatte keine Eile: Es war gefhrlich, Fima irgendwohin mitzunehmen, denn er war furchtbar vorlaut und tolpatschig, unter Garantie fate er was an und machte es kaputt. Fima hatte es dann satt gehabt, Kolja zu drngen, und nur noch verlangt: Schreib wenigstens die Mae von der Fregatte auf. ich will ein Segelschiff basteln, aber es gibt kaum Anleitungen. Was kostet's dich schon, mir zu helfen! Das Gesprch mit Fima hatte erst gestern stattgefunden, Nikolai Nikolajewitsch aber war heute ins Krankenhaus gekominen. Abends wrden die Eltern wieder da sein und den Schlssel vielleicht an sich nehmen - doch Fimka glaubte ihm bestimmt kein Wort und hielt das Ganze fr eine Ausrede. Deshalb nahm Kolja, zu Hause angelangt, ein Blatt Papier, Lineal und Bleistift zur Hand und betrat die Wohnung des Nachbarn. Er war berzeugt, nichts Unrechtes zu tun, denn htte er Nikolai Nikolajewitsch um Erlaubnis gefragt, so htte der nichts einzuwenden gehabt. Kolja schlo die Tr hinter sich, steckte den Schlssel in die Tasche und machte im Korridor Licht, um die afrikanischen Masken zu betrachten, die dort zhnebleckend an der Wand hingen. Dann begab er sich ohne Hast in das groe Zimmer, das Nikolai Nikolajewitsch zum Arbeiten und Schlafen diente. Auf dem Sofa lag noch das Bettzeug, das Laken war zerwhlt, der Telefonhrer baumelte knapp ber dem Fuboden. Kolja stellte sich vor, wie der Nachbar versucht hatte, das Telefon zu erreichen, um die 03 zu whlen. Er legte den Hrer wieder auf. Kolja war noch nie allein in dieser Wohnung gewesen, und sie kam ihm jetzt, obwohl es sich um eine ganz gewhnliche Behausung handelte, sehr verlassen und sogar ein bichen unheimlich vor. Wie er so in der Mitte des Zimmers stand, sprte er auch, da er nicht gerade anstndig handelte. Er htte am liebsten kehrtgemacht, ohne die Mae von der Fregatte zu nehmen. Das aber tat er nicht, und zwar weil an der Wand eine alte Steinschlopistole hing. Nikolai Nikolajewitsch hatte Kolja manchmal erlaubt, sie in die Hand zu nehmen, doch es war nur das halbe Vergngen, wenn man dabei beobachtet wurde. Nachdem Kolja die Pistole ausgiebig betrachtet und sie an die Wand zurckgehngt hatte, fiel sein Blick pltzlich auf die Tr, die zum Hinterzimmer fhrte. Obgleich eine Tr wie jede andere, hatte es mit ihr eine besondere Bewandtnis: Sie war stets verschlossen. Sooft Kolja den Nachbarn auch besucht hatte, sie war in seinem Beisein kein einziges Mal geffnet worden. Der Junge zerbrach sich seit langem den Kopf darber, was sich wohl dahinter verbergen mochte, und so fragte er eines Tages. Und was ist hinter der Tr dort? Hast du schon mal was von Ritter Blaubart gehrt? fragte Nikolai Nikolajewitsch zurck.

  • Aber Sie sind doch gar nicht verheiratet. Ich halte dort kleine neugierige Jungs versteckt, erwiderte der Nachbar. Sieben an der Zahl. Es ist noch Platz fr einen achten. Damit war das Gesprch beendet, und Kolja fragte nie wieder - schlielich hatte man seinen Stolz. Doch nun bemerkte Kolja, da der Schlssel in der Tr steckte. Offenbar hatte Nikolai Nikolajewitsch nicht damit gerechnet, krank zu werden. Kolja ging zur Tr und begann zu berlegen. Wahrscheinlich befanden sich wichtige Papiere oder Wertsachen in dem Raum. Vielleicht auch eine Briefinarkensammlung. Und berhaupt: Wenn jemand nicht gewillt ist, dir sein Zimmer zu zeigen, hast du nichts darin zu suchen. Kolja war schon drauf und dran, zu der Fregatte zurckzukehren, als es ihn pltzlich durchzuckte. Und was, wenn der Nachbar irgendein seltenes Tier in dem Zimmer verborgen hielt? So selten und gefhrlich, da er es niemandem zeigen durfte? Eine Schlange vielleicht, eine Anakonda von zwlf Metern Lnge? Nun sa dieses seltene Tier hungrig hinter der Tr und hatte keine Ahnung davon, da es einen ganzen Monat nichts zu fressen kriegen wrde. Bei einer Anakonda oder einem Kamel wre das nicht weiter schlimm, die berstanden einen Monat ohne Essen und Trinken ohne weiteres. Doch wenn's ein Tiger war? Der wrde mehrere Tage durchs Zimmer hetzen und schlielich vor Hunger krepieren. Natrlich nahm Kolja nicht ernsthaft an, da sich ein Tiger hinter der Tr verbergen knnte. Er hatte einfach das unwiderstehliche Verlangen, einen Blick in das geheimnisumwobene Zimmer zu werfen, doch dafr brauchte es eine moralische Rechtfertigung. Eine bessere Rechtfertigung aber als die Sorge um ein hungerndes Tier konnte es nicht geben. Kolja blieb noch einen Augenblick unschlssig stehen, lauschte auf Gerusche aus dem Nebenraum - alles still. Da drehte er den Schlssel herum und ffnete die Tr. 2. Nein, das ist nicht Indien Kolja wollte nur einen kurzen Blick in das Zimmer werfen und sich gleich wieder zurckziehn. Vorausgesetzt natrlich, da sich dort kein durstleidendes Kamel befand. Er ffnete die Tr etwa fnf Zentimeter weit - nichts geschah. Er stie sie weiter auf - wieder nichts. Schlielich steckte er den Kopf durch den Spalt und mute feststellen, da das Zimmer so gut wie leer war. Es war ein kleiner Raum mit grnen Wnden. Vor dem. Fenster hing ein dichter Vorhang, dennoch war es hell genug, um alles erkennen zu knnen. Im Zimmer befanden sich zwei Schrnke und ein Stuhl. Der eine Schrank, aus Holz, war alt und sehr gerumig, seine Tren standen offen. In dem Schrank hingen mehrere Anzge und Regenmntel, darunter standen Mnner- und Frauenschuhe unterschiedlichster Gre. Im Regalteil lagen, ordentlich gestapelt, Laken, Kissenbezge, Hemden und Wsche. Auen am Schrank aber lehnten drei Klappbetten. Was mu ein Kundschafter vermuten, wenn er in der Wohnung eines allein lebenden Mannes einen Schrank mit Kleidung fr andere Leute entdeckt? Der Kundschafter Kolja kam zu dem Schlu, da diese Sachen den Freunden und Bekannten von Nikolai Nikolajewitsch gehrten, die ihn zuweilen von auswrts besuchten und bis zu einer Woche blieben. Im groen und ganzen war das Zimmer vllig uninteressant fr Kolja, und er htte seelenruhig wieder gehen knnen, wre da nicht der zweite Schrank gewesen. Er war recht ungewhnlich, erinnerte entfernt an eine Telefonzelle, war aber viel grer. Kolja trat an die Glastr heran und schaute ins Innere. Anstelle eines Telefonapparates befand sich an der Wand ein Instrumentenpult, hnlich dem eines Flugzeugs. Und Kolja begriff, da in eben dieser Telefonzelle das Geheimnis des Zimmers verborgen lag. Einen Moment, sagte Kolja zu sich selbst, denn er war ein bichen aufgeregt und zwischen zwei Wnschen hin und her gerissen: sollte er gehen oder die Apparatur nher in Augenschein nehmen, denn er interessierte sich fr Technik. Er hatte im vorigen Jahr sogar ein Radio zusammengebastelt, das freilich nicht funktionierte.

  • Kolja drckte auf die Klinke der Glastr, und sie gab leise nach, als wre sie gelt. Die Tr fuhr auf, lud Kolja geradezu ein, sich im Innem umzuschaun. Kolja widersetzte sich nicht lnger und betrat die Kabine. Er begann das Instrumentenpult zu studieren. Auf seinem unteren, etwas vorstehenden Teil befanden sich zwei Knopfreihen. Darber waren mehrere Schalter nebeneinander angebracht und mehrere Zifferbltter. Da das ganze System im Augenblick tot war, ausgeschaltet, konnte Kolja nicht erkennen, wozu es diente. Ausgerechnet da fiel sein Blick auf einen Schalter, neben dem links die Aufschrift EIN angebracht war, rechts dagegen die Aufschrift AUS. Der Schalter zeigte nach rechts, zum AUS. Ich kann ihn ja jederzeit wieder zurckstellen, dachte Kolja, und drehte den Schalter nach links. Ein leises Summen ertnte, die Zeiger auf dem Pult erzitterten, manche gerieten in Bewegung. Kolja wollte wieder ausschalten, doch da vernahm er ein leichtes Klicken hinter sich. Er wandte sich hastig um und mute festellen, da sich die Tr hinter ihm geschlossen hatte. Er drckte von innen auf die Klinke - sie gab nicht nach. Doch deswegen geriet Kolja noch lange nicht aus der Fassung. Er drehte den Schalter nach rechts, und die Zeiger auf den Armaturen kehrten in die Nullstellung zurck, das Summen verstummte, die Tr sprang von selbst wieder auf. Na bitte, sagte Kolja, die Maschinen haben dem Menschen zu gehorchen. Er lie die Tr weitere zweimal auf- und zugehn, dann beschlo er, auch die anderen Schalter auszuprobieren; im Notfall konnte man sie ja wieder in die Nullstellung bringen. Einer der Schalter, er war rot und befand sich am Ende der zweiten Knopfreihe, trug die Aufschrift START. Unter den Knpfen waren Zahlen und irgendwelche unverstndlichen Zeichen zu sehen. Zwei der Knpfe aber trugen den Vermerk: ZWISCHENSTATION bzw. ENDSTATION. Das weckte Koljas Neugier. Er stellte den Schalter auf START , doch nichts passierte. Er nahm das EIN dazu - wieder nichts. Erst als er zustz...