Apropos 79: Wie man die Weltherrschaft vorerst retten ?· Weltherrschaft und () beobachtet, was im Einzelnen…

  • Published on
    17-Sep-2018

  • View
    212

  • Download
    0

Embed Size (px)

Transcript

<ul><li><p>Der Europer Jg. 16 / Nr. 5 / Mrz 2012 19</p><p>Apropos</p><p>In den beiden letzten Apropos (77 und 78) versuchte ich zu zeigen, dass sich seit mindestens einem Jahr weltweit ein Impuls manifestiert, der nicht mehr verschwinden wird: Ein strmischer Wind braust durch die Welt: eine Demonstration jagt die nchste Demonstrationen, die manchmal mit einem entsetzlichen Blutvergieen en-den. Diese Vorgnge zeugen nach meiner berzeugung von einem groen Durst nach Freiheit und Demokratie. Dagegen wird eingewendet, das alles sei eine Inszenie-rung gewisser Mchte. Zugespitzt gesagt: Der CIA habe diese Demonstrationen und Aufstnde inszeniert.</p><p>Nicht vom Westen angezetteltNun besteht ja gewiss kein Zweifel, dass die Mchte, die die Weltherrschaft fr sich beanspruchen, in jedem Fall versuchen, die Geschehnisse zu instrumentalisieren. Aber dass sie die weltweite Unruhe selber inszeniert haben, ist schon darum unwahrscheinlich, weil es so komplizierter wird, die Herrschaft durchzusetzen. Warum die Fakten diese Auffassung sttzen, belegt der junge Kanadier An-drew Gavin Marshall, Forscher am Centre for Research on Globalization, in einer dreiteiligen Studie Erleben wir den Beginn einer weltweiten Revolution?1 Wir drfen diese Proteste und Aufstnde nicht als vom Westen angezettelt abtun, sondern mssen davon ausgehen, dass sie orga-nisch entstanden sind, wobei der Westen anschlieend versucht, die entstehenden Bewegungen zu vereinnah-men und zu kontrollieren.</p><p>Das Zeitalter des globalen politischen ErwachensDer 24-jhrige Marshall hlt fest: Es scheint, als erlebe die Welt den Beginn einer neuen revolutionren ra: Das Zeitalter des globalen politischen Erwachens. Die-ses Erwachen manifestiert sich zwar in verschiedenen Regionen und Lndern und unter unterschiedlichen Um-stnden, wird jedoch in hohem Mae durch die globalen Bedingungen bestimmt. Die weltweite Dominanz durch die westlichen Fhrungsmchte, allen voran die Verei-nigten Staaten, in den vergangenen 65 Jahren, eigentlich schon seit Jahrhunderten, ist an einen Wendepunkt ge-kommen. Die Menschen auf der Welt sind unruhig, auf-gebracht und voller Wut. Vernderung liegt, so scheint es, in der Luft. Diese Entwicklung bedeutet auf der Weltbhne die radikalste und potenziell gefhrlichste Be-drohung fr globale Macht- und Weltherrschafts-Struk-turen. Sie ist nicht nur eine Bedrohung fr die Lnder, in denen sich die Proteste erheben und nach Vernderung </p><p>gerufen wird, sondern sie bedroht, vielleicht sogar in weit hherem Mae, die imperialen Mchte des Westens, in-ternationale Institutionen, multinationale Konzerne und Banken, die weltweit diese unterdrckerischen Regimes einerseits finanziell sttzen, bewaffnen und protegieren, und andererseits von ihnen profitieren. </p><p>Weltweiter politischer AktivismusDer kanadische Autor kann seine Einschtzung mit ver-schiedenen uerungen von Zbigniew Brzezinski unter-mauern, die dieser in den letzten Jahren gemacht hat. Brzezinski ist neben Henry Kissinger der berhmt-berchtigste US-amerikanische Geo- oder Globalstratege: Zum ersten Mal in der Geschichte ist fast die gesamte Menschheit politisch aktiviert, legt politisches Bewusst-sein an den Tag und beeinflusst sich gegenseitig poli-tisch Der daraus resultierende weltweite politische Aktivismus fhrt dazu, dass der Drang nach persnli-cher Wrde, kulturellem Respekt und wirtschaftlichen Chancen steigt in einer Welt, die von der schmerzlichen Erinnerung an Jahrhunderte lange fremde Kolonialherr-schaft oder imperialistische Dominanz gezeichnet ist Das weltweite Verlangen nach Menschenwrde ist die zentrale Herausforderung bei dem Phnomen des globa-len politischen Erwachens Dieses Erwachen erfasst die Gesellschaft ganz massiv und radikalisiert sie politisch Der fast berall verfgbare Zugang zu Radio, Fernsehen und zunehmend zum Internet erzeugt eine Gemeinschaft gemeinsamer Wahrnehmung und von Neid, die von demagogischer, politischer oder religiser Leidenschaft elektrisiert und kanalisiert werden kann. Diese Energien reichen ber Landesgrenzen hinweg und stellen sowohl fr die bestehenden Staaten als auch fr die bestehende globale Hierarchie, in der Amerika noch immer eine Spit-zenposition einnimmt, eine Herausforderung dar</p><p>Revolutionre im WartestandDer demnchst 84-Jhrige usserte weiter: Die Jugend in der Dritten Welt zeigt sich besonders unruhig und ge-reizt. Die demografische Umwlzung, die sie verkrpert, wird somit auch zu einer politischen Zeitbombe Ihre potenziell revolutionre Fhrung wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit aus den Reihen der Millionen von Studenten rekrutieren, die sich in den intellektuell hu-fig fragwrdigen Hochschul-Bildungseinrichtungen der Entwicklungslnder sammeln. Je nachdem, was man als Hochschul-Bildungsebene definiert, gibt es heute welt-</p><p>Apropos 79:</p><p>Wie man die Weltherrschaft vorerst retten kannArabellion, Zbigniew Brzezinski, Anthony C. Sutton und der Perseus-Verlag</p></li><li><p>20 Der Europer Jg. 16 / Nr. 5 / Mrz 2012</p><p>Apropos</p><p>Diktatur untersttzt, wobei die franzsische Auenmi-nisterin so weit ging zu sagen, Frankreich werde das Poli-zei-Knowhow zur Verfgung stellen, um Ben Ali dabei zu helfen, die Ordnung aufrechtzuerhalten.3 hnlich war es in den USA: Wenige Tage vor dem Sturz Ben Alis erklrte Hillary Clinton in einem Interview, Amerika sei besorgt ber die Unruhe und Instabilitt. Und weiter: ohne eine Position zu beziehen, sagen wir, dass wir auf eine friedliche Lsung hoffen. Ich hoffe, dass die tu-nesische Regierung eine friedliche Lsung herbeifhren kann. Clintons Besorgnis entspringt jedoch nicht et-wa humanitren, sondern vielmehr inhrenten imperia-listischen Erwgungen: Es ist ganz einfach schwieriger, eine Region unter Kontrolle zu haben, die von Aktivis-mus, Aufstnden und Revolution geprgt ist. </p><p>190 von 352 Millionen Arabern sind unter 24Eine groe internationale Meinungsumfrage von Mitte 2010, bei der Menschen in gypten, Saudi-Arabien, Ma-rokko, Jordanien, im Libanon und den Vereinigten Ara-bischen Emiraten befragt wurden, brachte bemerkens-werte Ergebnisse, zum Beispiel: War Obama zu Beginn seiner Prsidentschaft noch begrt worden zeigten sich im Frhjahr 2009 noch 51 Prozent der Befragten op-timistisch in Bezug auf die Politik der USA , so waren es im Sommer 2010 nur noch 16 Prozent. 2009 sagten 29 Prozent der Befragten, ein atomar bewaffneter Iran wre gut fr die Region, 2010 erreichte dieser Wert 57 Prozent. () Whrend die USA, Israel und die Fhrer der arabischen Lnder behaupten, der Iran stelle die grte Bedrohung fr Frieden und Stabilitt im Nahen Osten dar, teilen die Menschen in den arabischen Lndern die-se Meinung nicht. Auf die Frage, welche zwei Lnder die grte Bedrohung fr die Region darstellten, antwor-teten 88 Prozent mit Israel, 77 Prozent mit Amerika und zehn Prozent mit Iran. Die Bedeutung dieser Be-drohung fr die arabische Fhrung sollte nicht unter-schtzt werden. Von rund 352 Millionen Arabern sind 190 Millionen unter 24 Jahre alt, davon sind fast drei Viertel arbeitslos. </p><p>Seit Jahren wird gewarntDer Internationale Whrungsfonds (IWF), der u.a. welt-weit kurzfristige Kredite zum Ausgleich von Zahlungsde-fiziten vergibt, hat bereits im Dezember 2008, also in der ersten Phase der weltweiten Wirtschaftskrise, die Regie-rungen gewarnt vor der Aussicht gewaltttiger Unruhen auf den Straen. Er wies darauf hin, dass gewaltttige Demonstrationen in Lndern auf der ganzen Welt aus-brechen knnten, wenn das Finanzsystem nicht dahin-gehend reorganisiert wrde, dass es der Allgemeinheit und nicht nur einer kleinen Elite ntzt. Im Januar 2009 erklrte Dennis Blair, damals Obamas Geheimdienstko-</p><p>weit zwischen 80 und 130 Millionen College-Studenten. Diese Millionen Studenten, die typischerweise aus der sozial unsicheren unteren Mittelschicht kommen und von Wut ber die gesellschaftlichen Zustnde entbren-nen, sind Revolutionre im Wartestand, sie sind bereits in groen Gruppen teilweise mobilisiert, stehen ber das Internet miteinander in Verbindung und sind bereit, das, was vor Jahren in Mexiko City oder auf dem Tiananmen-Platz geschehen ist, zu wiederholen. Ihre physische En-ergie und emotionale Frustration warten praktisch nur darauf, von einem Anlass, Glauben oder Hass gezndet zu werden</p><p>US-Prsident Jimmy Carters Nationaler Sicherheitsbe-rater zieht aus seinen berlegungen folgende Schlussfol-gerung: Die neuen und alten groen Weltmchte sind mit einer neuartigen Realitt konfrontiert: einerseits ist ihre Militrmacht grer und tdlicher denn je zuvor, andererseits waren sie nie zuvor so schwach, wenn es da-rum geht, die politisch erwachten Massen auf der Welt unter Kontrolle zu halten. Um es ganz klar zu sagen: Fr-her war es einfacher, eine Million Menschen unter Kon-trolle zu halten, als eine Million Menschen umzubrin-gen; heute ist es unendlich viel einfacher, eine Million Menschen umzubringen, als eine Million Menschen zu kontrollieren.2 </p><p>Die grte Hoffnung fr die MenschheitDer Global-Research-Autor schliet aus diesen Zitaten von Brzezinski: Amerika und der Westen stehen somit vor ei-ner kolossalen strategischen Herausforderung: Was ist zu tun, um diesem globalen politischen Erwachen Einhalt zu gebieten? Er stellt fest: Zbigniew Brzezinski zhlt zu den wichtigsten Architekten der amerikanischen Auen-politik und ist vermutlich einer der geistigen Pioniere des Systems der Globalisierung. Deshalb beziehen sich seine Warnungen vor dem Globalen Politischen Erwachen di-rekt darauf, dass es von seiner Natur her eine Bedrohung fr die herrschende weltweite Hierarchie darstellt. In die-sem Sinne mssen wir das Erwachen als die grte Hoff-nung fr die Menschheit betrachten. Gewiss, manches wird scheitern, es wird Probleme und Rckschlge geben. Doch das Erwachen hat begonnen, es ist im Gang, und kann nicht so einfach vereinnahmt oder unter Kontrolle gebracht werden, wie viele vielleicht denken.</p><p>Der Westen hat dieses Erwachen anfnglich of-fensichtlich nicht ernst genug genommen, wie das Bei-spiel Tunesien zeigt, wo in Nordafrika die Arabellion begann. Marshall erinnert: Frankreichs Prsident Sarkozy musste einrumen, er habe die Wut der Menschen in Tunesien und die Protestbewegung, die zum Sturz von Prsident Zine a-Abidine Ben Ali fhrte, unterschtzt. In den ersten Wochen des Protests in Tunesien hatten mehrere franzsische Regierungsvertreter ffentlich die </p></li><li><p>Der Europer Jg. 16 / Nr. 5 / Mrz 2012 21</p><p>Apropos</p><p>Welt () orientierte: die Frderung der Demokratisie-rung. Dahinter steht nicht das Ziel, die Herausbildung einer originren arabischen Demokratie des Volkes und fr das Volk zu frdern, sondern eine evolutionre De-mokratisierung voranzutreiben, in der die altbekannten, von amerikanischen strategischen Interessen gesttzten Despoten zugunsten neoliberaler demokratischer Syste-me entfernt werden. In diesen neoliberalen Demokratien finden sich zwar die ueren Merkmale demokratischer Institutionen wie Wahlen unter Beteiligung mehrerer Parteien, private Medien, Parlamente, Verfassungen, eine aktive Zivilgesellschaft etc., aber die Machthaber inner-halb dieses innerstaatlichen politischen Systems ordnen sich weiterhin den amerikanischen wirtschaftlichen und strategischen Interessen unter, untersttzen eine ameri-kanische militrische Vorherrschaft in der Region und ffnen den arabischen Volkswirtschaften den Weg zu einer Integration in die Weltwirtschaft. So gesehen ist Demokratisierung eine potenziell sehr wirksame Strate-gie, um die Vormachtstellung zu erhalten.</p><p>Das arabische Erwachen stellt die grte Bedrohung der amerikanischen strategischen Vormachtstellung seit Jahrzehnten dar. Und: Amerika war vermutlich nicht darauf vorbereitet, dass es so kurzfristig zu Unruhen kom-men wrde. Doch der alte Fuchs Zbigniew Brzezinski hat Mittel und Wege gefunden, die Weltherrschaft der USA (und anderer Mchtiger) zu retten. Da die Situation aber komplex ist, muss jedes Land einzeln beurteilt wer-den. So werden die USA mit einer Kombination gleich-zeitiger, aber unterschiedlicher Vorgehensweisen reagie-ren: Demokratisierung, Unterdrckung, militrisches Eingreifen und Destabilisierung.</p><p>Unbewusstes Ideal der WeltherrschaftBrzezinski macht kein Hehl daraus, dass es tatschlich um die Weltherrschaft geht. Das belegt schon sein Klas-siker: The Grand Chessboard. American Primary and Its Geostrategic Imperatives4; in der deutschen bersetzung: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherr-schaft5. Auf diese Hintergrnde hat vor bald 100 Jahren schon Rudolf Steiner hingewiesen, als er die Macht be-leuchtete, die heute als die englischsprechende Macht nach Weltherrschaft strebt: Welches ist der Grundcha-rakter gerade der englisch-amerikanischen Politik? Die Antwort: Sieht man () hin auf das aus dem Un-bewussten herausgeborene englisch-politische Ideal der Weltherrschaft und () beobachtet, was im Einzelnen versucht und getan wird, dann findet man die einzige wirklich richtige Bezeichnung fr die Politik: Sie hat aus dem Unbewussten heraus ihre groen Ziele, und sie ist in Bezug auf die einzelnen Handlungen Experimentalpoli-tik. Sie ist so stark Experimentalpolitik, Versuchspolitik, aus unbewussten Zielen festgestellte Politik, dass man </p><p>ordinator, vor dem Geheimdienstausschuss des US-Se-nats, die grte Bedrohung fr die nationale Sicherheit der USA sei nicht der Terrorismus, sondern die weltweite Wirtschaftskrise: Ich mchte mit der weltweiten Wirt-schaftskrise beginnen, denn sie bahnt sich bereits als die schwerste seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten, an Wirtschaftskrisen erhhen das Risiko von Regime-bedrohender Instabilitt.</p><p>In einem Bericht des britischen Verteidigungsmi-nisteriums von 2007 hie es, in den kommenden 30 Jahren werde die Kluft zwischen Reich und Arm aller Voraussicht nach breiter werden, absolute Armut bleibt eine weltweite Herausforderung Ungleichgewichte bei Reichtum und Vorteilen werden deshalb strker sichtbar, einschlielich der damit einhergehenden Unzufrieden-heit und Verbitterung, selbst bei der wachsenden Zahl derer, denen es wahrscheinlich materiell besser geht als ihren Eltern und Groeltern. () Was zu wachsenden Spannungen und Instabilitt fhren wird, sowohl inner-halb einer Gesellschaft als auch zwischen Gesellschaften; sie werden sich gewaltsam in Unruhen, Kriminalitt, Ter-rorismus und Aufstnden Luft machen. Weiter wurde vor den Gefahren gewarnt, die den etablierten Mchten von einer Revolution durch eine unzufriedene Mittel-schicht drohen: Die Mittelschicht knnte zu einer revo-lutionren Klasse werden, welche die Rolle einnimmt, die Marx dem Proletariat zugedacht hatte. Die wachsende Kluft zwischen diesen Menschen und einer kleinen An-zahl sichtbar auftretender Superreicher knnte der Ent-tuschung ber die Leistungsgesellschaft Auftrieb geben, whrend die wachsende stdtische Unterschicht zuneh-mend zu einer Bedrohung fr gesellschaftliche Ordnung und Stabilitt wird, wenn sprbar wird, welche Belastung durch die aufgelaufenen Schulden entsteht, und Renten nicht gezahlt werden knnen.</p><p>Wirksame Strategie, um die Vormachtstellung zu erhaltenViele waren von den Unruhen in der arabischen Welt berrascht, dies gilt aber nicht fr das amerikanische auenpolitische und strateg...</p></li></ul>