Der kleine Wassermann

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  • OTFRIED PREUSSLER

    Der kleine WassermannMit vielen Textzeichnungen von Winnie Gebhardt

    THIENEMANN

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  • Ein richtiger kleiner Wassermann

    Als der Wassermann eines Tages nach Hause kam, sagtedie Wassermannfrau zu ihm: Heute musst du ganz leisesein. Wir haben nmlich einen kleinen Jungen bekom-men.Was du nicht sagst!, rief der Wassermann voller Freu-

    de. Einen richtigen kleinen Jungen?Ja, einen richtigenkleinenWassermann, sagte dieFrau.

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  • Aber bitte, zieh dir die Stiefel aus und sei leise, wenn duhineingehst. Ich glaube, er schlft noch.Da zog sich derWassermann seine gelben Stiefel aus und

    ging auf den Zehenspitzen ins Haus. Das Haus war ausSchilfhalmen gebaut, es stand tief unten auf dem Grunddes Mhlenweihers. Statt mit Mrtel war es mit Schlammverputzt, denn es war ja ein Wassermannhaus. Aber sonstwar es genauso wie andere Huser auch, nur viel kleiner.Es hatte eine Kche und eine Speisekammer, eine Wohn-stube, eine Schlafstube und einen Flur. Die Fubdenwaren sauber mit weiem Sand bestreut, vor den Fensternhingen lustige grne Vorhnge, die waren aus Algen undSchlingpflanzen gewebt. Und natrlich waren alle Stuben,der Flur und die Kche und auch die Speisekammer vollWasser. Wie konnte das anders sein, wenn das Haus aufdem Grund des Mhlenweihers stand?Also, der Wassermann schlich auf den Zehenspitzen

    ber den Flur in die Kche. Aus der Kche schlich er in dieWohnstube, aus der Wohnstube schlich er in die Schlaf-stube. Als er dann leise, leise ans Bett trat, da sah er ineinem Binsenkrbchen den kleinen Wassermannjungenliegen. Der Junge hatte die Augen geschlossen und schlief.Seine Fustchen lagen rechts und links von dem dicken,roten Gesicht auf dem Kopfkissen. Das sah aus, als hieltesich der kleine Wassermann die Ohren zu.

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  • Wie gefllt er dir?, fragte dieWassermannfrau. Sie warauch mit hereingekommen und schaute dem Wassermannber die Schulter.

    Ein bisschen klein ist der Junge, sagte der Wasser-mann. Aber sonst gefllt ermir eigentlich. Er beugte sichber das Binsenkrbchen und zhlte: Eins, zwei, drei,vier, fnf

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  • Was zhlst du denn?, fragte die Wassermannfrau.Ach, ich zhle blo, ob er auch alle Finger hat, sagte

    der Wassermann leise. Und sieh nur, die strammen Bein-chen! Wenn er grer wird, soll er ein Paar schne gelbeStiefel bekommen und eine schilfgrne Jacke und brauneHosen und eine knallrote Zipfelmtze! Am besten gefal-len mir seine Haare. Du weit ja, ich habe mir immer soeinen kleinen Jungen mit grnen Haaren gewnscht!Du, sei vorsichtig!, mahnte die Wassermannfrau.

    Was machst du denn jetzt wieder?Lass mich nur, sagte der Wassermann. Ich muss

    nachsehen, ob er auch Schwimmhute zwischen den Fin-gerchen hat. Das ist wichtig fr einen Wassermannjun-gen. Und der Wassermann wollte dem Jungen das eineFustchen ffnen. Aber da wachte der kleine Wassermannauf und rieb sich die Augen.Du, schau!, rief derWassermannvater auf einmal ganz

    laut. Siehst du das? Siehst du es auch?Also hat er wohl doch Schwimmhute zwischen den

    Fingerchen?, lachte die Mutter.Das auch, das auch!, rief der Wassermann frhlich.

    Aber jetzt wei ich sogar, was fr Augen er hat! Sie sindgrn, sie sind grn, es sind richtige Wassermannaugen!Und der Wassermannvater hob seinen kleinen Wasser-

    mann aus dem Binsenkrbchen und hielt ihn hoch ber

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  • seinen Kopf. Und dann tanzte er mit ihm in der Stubeherum, dass die Schilfwnde wackelten und der weieFuboden nur so wirbelte. Dabei sang er in einem fort:Wir haben einen kleinen Wassermann! Wir haben einenkleinen Wassermann!Da kamen die Fische von allen Seiten herbeigeschwom-

    men und schauten mit ihren Glotzaugen zu den Fensternherein. Der kleine Wassermann strampelte vergngt mitArmen und Beinchen. Und jeder, der es sehen wollte, sahauf den ersten Blick, dass er wirklich ein richtiger kleinerWassermann war.

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  • Donnerwetter, ist das ein Junge!

    Was meinst du?, sagte der Wassermann abends zu sei-ner Frau. Es gehrt sich wohl, dass wir dem kleinen Jun-gen zu Ehren ein Fest geben, nicht? Ich werde gleich mor-gen die ganze Verwandtschaft dazu einladen, damit wir ihnallen zeigen knnen. Und du wirst kochen und braten,dass wir auch etwas zum Schnabulieren haben. Es ist ja beiuns nicht wie bei armen Leuten.Gut, der Wassermann ging also am nchsten Tag seine

    Verwandten einladen, und denen, die weiter weg wohnten,

    schickte er Fische als Boten. Die Wassermannfrau blieb zuHause und kochte und briet. Bis zum spten Abend rhrtesie in den Tpfen, schwenkte die Bratpfanne und klappertemit den Schsseln. Zwischendurch gab sie dem kleinenWassermann seinen Brei.Siebenundzwanzig Verwandte hatte der Wassermann

    eingeladen und sechsundzwanzig von ihnen kamen. Es

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  • waren zwlf Wassermnner mit ihren Frauen, ein Brun-nenmann und das Brckenweiblein von der Sankt-Nepo-muks-Brcke. Der Brunnenmann wohnte im Rhrbrun-nen hinter dem Spritzenhaus, er war schon sehr alt undtrug einen weien Bart. Die anderen Wassermnner undihre Frauen kamen aus dem Dorfteich, aus dem Frosch-tmpel, aus der Entenpftze, aus dem Roten und aus demSchwarzen Flssel, aus dem Forellenwasser, dem Stein-bach und noch fnf anderen Bchen.Seid uns gegrt!, sagte der Vater des kleinenWasser-

    manns. Es ist recht, dass ihr euch alle so pnktlich einge-funden habt! Meine Frau und ich sagen allerseits bestenDank und wir hoffen auch, dass es euch schmecken wird.Willst du uns nicht zuerst deinen kleinen Jungen zei-

    gen?, fragte derWassermann aus dem Steinbach denVaterdes kleinen Wassermanns.Nein, entgegnete der Wassermannvater. Zuerst ein-

    mal wollen wir tafeln, die Hauptsache bleibt fr zuletzt.Da mussten sich die zwlf Wassermnner mit ihren

    Frauen, der Brunnenmann und das Brckenweiblein allean den langen Tisch setzen, den der Mhlenweiherwasser-mann vor seinemHaus fr sie aufgestellt hatte, denn in derWohnstube wre es viel zu eng gewesen fr diese groeGesellschaft. Der Brunnenmann mit dem weien Bartbekam den Ehrenplatz in der Mitte.

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  • Die Mutter des kleinen Wassermanns brachte denGsten zuerst eine Suppe aus Wasserlinsen, dann einGericht von gebratenen Fischeiern mit gersteten Algen.Danach tischte sie einen Salat auf, den sie aus eingelegterBrunnenkresse und klein gehackten Dotterblumenstn-geln bereitet hatte. Und wer dann noch immer nicht sattwar, fr den gab es zum Schluss noch eine ganze Schsselgednsteten Froschlaich mit eingesalzenen Wasserflhen.Ja, ja, es war eben nicht wie bei armen Leuten.

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  • Du, sag einmal, fragte derWassermann aus demRotenFlssel beimNachtisch denWassermann aus demMhlen-weiher. Hast du denn deinen Schwager, den Moormann,nicht eingeladen? Der htte doch auch mit dazugehrt oder nicht?Ja, was denkst du denn!, sagte der Wassermannvater.

    Ich werde doch nicht meinen Schwager, den Moormann,vergessen! Ich habe ihm meine schnellste Forelle als Botinhinaufgeschickt. Wei der Hecht, weshalb er nichtkommt!Er wird sich wohl, meinte der Brunnenmann, auf der

    weiten Reise ein bisschen versptet haben. Wie ich ihnkenne, kommt er bestimmt. Das kann er dir gar nichtantun. Aber wie steht es denn, willst du uns nun den klei-nen Wassermann zeigen?Wenn ihr wirklich schon satt seid, sagte der Wasser-

    mannvater, dann hole ich ihn.Aber gerade als er insHaus gehenwollte, um seinen klei-

    nen Jungen zu holen was war das? Da wurde es pltzlichso finster im Mhlenweiher, dass man nicht einmal mehrdie eigene Hand vor den Augen sah. Und die Wasser-mannfrauen riefen erschrocken: Zu Hilfe, was ist denn?Ach, nichts, gab da jemandmit tiefer Stimme zur Ant-

    wort. Das bin doch nur ich. Guten Tag.Und wen sahen sie, als sich die Dunkelheit wieder ver-

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  • laufen hatte? Den Moormann! Der hatte, als er gekom-men war, einen tchtigen Schwapp kaffeebraunen Moor-wassers vor sich hergeschwemmt, das war alles.Willkommen bei uns!, rief der Wassermannvater.

    Wir dachten schon, dass du ausbleiben wrdest. Ichwollte gerade ins Haus gehen und unseren kleinen Jungenherausholen.Hol ihn!, sagte der Moormann. Inzwischen werde

    ich rasch eine Kleinigkeit essen.Er langte mit seinen braunen Hnden auch gleich in die

    nchste Schssel es war die mit Dotterblumenstngel-

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  • und Brunnenkressesalat , und eins, zwei, drei, war sie leer.Dann vertilgte er anderthalb Teller gednsteten Frosch-laich mit eingesalzenen Wasserflhen und tat sich danachan dem Rest von gebratenen Fischeiern gtlich.Man muss sich dranhalten, sagte er schmatzend. Das

    Reisen macht Appetit.Und so a er und a, bis der Wassermannvater wieder

    aus dem Hause kam und das Binsenkrbchen mit demkleinen Jungen getragen brachte. Da lie der MoormannTeller und Schsseln stehen, sprang auf und rief so begeis-tert, dass er sich beinah verschluckt h