Der Stolz der Flotte

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    03-Jan-2017

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  • Alexander Kent

    Der Stolz der

    Flotte

    Flaggkapitn Bolitho vor der

    Barbareskenkste

    Roman

    ein Ullstein Buch

    ISBN 3 548 200141

  • Der Ersten Dame an Bord in Dankbarkeit und Liebe gewidmet

  • Inhalt

    I La fallen Anker............................................................... 7

    II Der Besucher ..................................................................27

    III Flaggengru ....................................................................47

    IV Als Warnung fr alle......................................................65

    V Ein schlechter Anfang....................................................82

    VI Im Verband ...................................................................101

    VII Breitseite!......................................................................118

    VIII Die Prise........................................................................139

    IX Ein neuer Feind.............................................................155

    X Dem Tode entronnen....................................................170

    XI Das Warten ist zu Ende................................................190

    XII Das Kastell....................................................................207

    XIII Die zweite Chance........................................................228

    XIV Ein Ort des Grauens .....................................................246

    XV Vergeltung und Vergessen...........................................267

    XVI Ein Ehrenhandel ...........................................................285

    XVII Wiedervereint ...............................................................302

    XVIII In der Falle....................................................................316

    XIX Im Gefecht ....................................................................330

    Epilog............................................................................351

  • ber den Meeren dieser Welt schweben die Geister der Vter. Das Schiffsdeck war ihr Ruhmesfeld, ihr Grab die tiefe See.

    Campbell

  • 7

    I La fallen Anker! Als an der Glocke im Vorderkastell sechs Glasen angeschlagen wur-den, kam Captain Richard Bolitho unter der Kampanje hervor. Beim Kompa blieb er einen Moment stehen. Der Steuermannsmaat am groen Doppelruderrad meldete eilig: Nordwest zu Nord liegt an, Sir! und schlug dann die Augen nieder, als Bolitho ihn ansah. Es ist, dachte Bolitho, als wten sie alle genau Bescheid, wie nervs und gespannt ich bin, und als wollten sie mich mit aller Gewalt aus dieser Stimmung herausreien.

    Er schritt ber das breite Achterdeck zur Luvseite hinber. Ohne hinzusehen wute er, da seine Offiziere ihn beobachteten, Vermu-tungen ber seine Laune anstellten, neugierig waren, wie sich dieser Tag wohl anlassen wrde.

    Aber achtzehn Monate lang war das Schiff ununterbrochen auf See gewesen, und die Besatzung war, abgesehen von denen, die im Kampf gefallen oder ihren Verwundungen erlegen waren, noch die gleiche, die an jenem Oktobermorgen 1795 mit ihm ausgelaufen war: Sie hat-ten also reichlich Zeit gehabt zu begreifen, da man ihn in diesen kostbaren ersten Minuten des Tages in Ruhe lassen mute.

    Nasser Nebel hatte das Schiff fast die ganze Nacht hindurch ver-folgt, whrend es langsam im Kanal vordrang, und war nun dicker denn je. Er zog in Wirbeln um die schwarze Schraffur der Takelage und hing wie Tau am Schiffsrumpf. Jenseits der Netze mit den sauber weggestauten Hngematten hob und senkte sich die See in einer brei-ten ablandigen Dnung; ihre Oberflche, matt und bleifarben, blieb jedoch unter der schwachen Brise beinahe glatt.

    Ein leichter Schauer berfiel Bolitho; er verschrnkte die Hnde un-ter den Rockschen und blickte zu den mchtigen Rahen hoch, ber denen die Konteradmiralsflagge feucht und schwer vom Kreuzmast hing. Kaum zu glauben, da dieser Himmel irgendwo auf der Welt klar, warm und freundlich war; an diesem Maimorgen htte die Sonne eigentlich schon das Land berhren sollen, das immer nher kam. Sein Land: Cornwall.

    Er wandte sich um. Da stand Keverne, der Erste Offizier, sah ihn aufmerksam an und wartete offenbar auf den richtigen Moment.

    Bolitho rang sich ein Lcheln ab. Guten Morgen, Mr. Keverne. Kein rauschender Willkomm, wie mir scheint.

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    Keverne war deutlich erleichtert. Guten Morgen, Sir. Der Wind ist stetig Sdwest, aber viel ist es nicht damit. Er drehte nervs an sei-nen Rockknpfen. Der Master* meint, wir sollten lieber erst einmal hier drauen ankern und abwarten, bis der Nebel steigt; es knnte nicht lange dauern.

    Bolitho sah kurz zu dem kleinen rundlichen Segelmeister hinber. Sein abgetragener schwerer Rock war bis an das Doppelkinn zuge-knpft, und in dem seltsamen Gegenlicht sah der Mann aus wie ein runder blauer Ball. Er war vorzeitig ergraut, beinahe wei, und trug das Haar im Nacken zu einem altmodischen Zopf gebunden, so da es an die gepuderte Percke eines Gutsbesitzers erinnerte.

    Na, Mr. Partridge, Bolitho versuchte wieder, etwas Wrme in sei-nen Ton zu legen, Sie sind doch sonst nicht so schchtern vor einer Kste?

    Partridge trat nervs von einem Fu auf den anderen. Bin noch nie in Falmouth vor Anker gegangen. Das heit, noch nie mit einem Drei-decker.

    Bolitho befahl dem Steuermannsmaaten: Geht nach vorn und setzt zwei gute Lotgasten in die Rsten. Das Lot braucht frischen Talg. Ich will keine falschen Meldungen hren!

    Wortlos eilte der Mann davon. Bolitho war berzeugt, er wrde wie alle anderen an Bord auch ohne besonderen Befehl wissen, was zu tun war, ebenso wie er selbst wute, da er das nur gesagt hatte, um Zeit zu gewinnen und ber seine Motive nachdenken zu knnen.

    Warum ankerte er eigentlich nicht drauen, wie der Master vorge-schlagen hatte? Warum ging er immer nher an diese unsichtbare Kste heran? Wollte er damit zeigen, wie mutig er war? Oder war es einfach Eitelkeit?

    Vom Vorschiff kam der langgezogene Ruf des Lotgasten: Sieben Faden**! Die Segel waren in stndiger leichter Bewegung, sie glnzten im Ne-bel wie gelte Seide. Wie alles an Bord troffen auch sie vor Nsse und fllten sich kaum in der flauen Brise, die achterlich von Backbord kam. Falmouth. Vielleicht war er deswegen so unsicher und verkrampft. Achtzehn Monate lang hatten sie erst Blockadedienst gefahren und * Steuermann, auch Segelmeister genannt, der Navigationsoffizier. ** l Faden = 1,829 m (Lngenma fr die Wassertiefe)

  • 9

    dann die sdlichen Zufahrtswege nach Irland berwacht. Von einer Woche zur anderen wartete man darauf, da die Franzosen versuchen wrden, in Irland zu landen und dort einen Aufstand zu organisieren; und als es vor fnf Monaten soweit gewesen war, hatte die Blockade-flotte nicht aufgepat. Da der Versuch fehlschlug, war nicht das Verdienst der berbeanspruchten Patrouillenschiffe gewesen, sondern das franzsische Geschwader war durch Strme auseinandergerissen worden.

    Im Gang unter der Kampanje waren Schritte zu hren der Admi-ralssteward brachte seinem Herrn das Frhstck in die groe Ober-deckskajte.

    Seltsam, wie sich das alles noch ergeben hatte, ehe sie hier in Fal-mouth, Bolithos Heimatstadt, einliefen. Was galten Dienstvorschriften und Admiralittsorder das Schicksal hatte sie einfach berrannt.

    und sechsdreiviertel, sang der Lotgast aus. Bedchtig, das Kinn tief in der Halsbinde, schritt Bolitho an der

    Luvseite auf und ab. Vizeadmiral Sir Charles Thelwall, dessen Flagge dort oben so schlapp im Masttopp hing, war jetzt seit einem Jahr an Bord. Schon als seine Flagge zum erstenmal gehit worden war, galt er als kranker Mann. Er war verhltnismig alt fr seinen Dienstrang, und die Verantwortung fr ein bermig beanspruchtes Geschwader machte ihm schwer zu schaffen. In dem Nebel und der schneidenden Klte der letzten Wintermonate war seine Gesundheit zusammenge-brochen. Als sein Flaggkapitn* hatte Bolitho getan, was er konnte, um den Druck zu mindern, der auf dem mden, runzligen kleinen Admiral lastete, und es war schmerzlich mitanzusehen, wie dieser Tag um Tag vergeblich gegen seine Krankheit ankmpfte, der er schlie-lich doch erliegen sollte.

    Nun kehrte das Schiff endlich nach England zurck, um seine Vor-rte zu ergnzen und neu ausgerstet zu werden. Sir Charles Thelwall hatte bereits eine Korvette mit Berichten, Anforderungen und der Mitteilung ber seinen Gesundheitszustand vorausgeschickt.

    Sechs Faden! Wenn das Schiff Anker warf, wrde also der Admiral an Land ge- * der Kommandant des Schiffes, das den Admiral an Bord hat (= Flaggschiff). Steht zu den anderen Kommandanten des Geschwaders in einem gewissen Vorgesetztenverhltnis und ist Stellvertreter des Admirals.

  • 10

    hen und dort bleiben. Aber er wrde wohl kaum lange genug leben, um sich seines Ruhestandes zu erfreuen.

    Und da war noch so eine Laune des Schicksals. Vor zwei Tagen, als das Schiff eben majesttisch Wolf Rock gerundet hatte, kam eine schnellsegelnde Brigg mit neuen Befehlen fr den Admiral. Dieser lag zu der Zeit in seiner Koje, von trockenem, tdlichem Husten gescht-telt, der sein Taschentuch mit roten Blutstropfen sprenkelte; er hatte Bolitho gebeten, die Depesche zu lesen, welche die Jolle der Brigg an Bord gebracht hatte.

    Die Order besagte mit aller Krze, da Seiner Britannischen Maje-stt Schiff Euryalus so schnell wie mglich die Bucht von Falmouth anlaufen sollte, nicht Plymouth, wie ursprnglich vorgesehen. Dort sollte es die Flagge von Sir Lucius Broughton, Ritter des Bath-Ordens*, bernehmen und weitere Instruktionen abwarten.

    Sobald die Order quittiert war, segelte die Brigg mit beinahe unhf-licher Eile wieder ab. Das war ebenfalls merkwrdig. Das Land be-fand sich in einem immer wtender und grimmiger werdenden Krieg, und da war fr zwei Schiffe, die sich auf hoher See trafen, und fr deren Besatzungen, die bei jedem Wetter und unter schwierigsten Bedingungen nach dem Feind Ausschau halten muten, jede, auch die gringfgigste Nachricht von hohem Wert. Die Brigg hatte sich der Euryalus sogar nur sehr vorsichtig genhert. Daran war Bolitho ge-whnt, denn sie war ein Prisenschiff und sah noch so franzsisch aus, wie man es von einem erst vier Jahre alten Schiff nicht anders erwar-ten konnte.

    Aber trotzdem auch diese Einzelheit verstrkte Bolithos Gefhl der Unsicherheit.

    Sechs Faden! Er wandte sich um und befahl: Lassen Sie mir das Lot bringen, Mr.

    Keverne; sie sollen aber unterdessen mit dem zweiten Lot weiterma-chen! Ein barfiger Matrose kam mit klatschenden Sohlen aufs Achterdeck und fhrte grend die Handknchel an die Stirn. Dann hielt er Bo-litho das groe, tropfende Lot hin und sah interessiert zu, wie dieser mit dem Finger in die Hhlung fuhr: die Talgfllung war voll matt-glnzender Krner, die wie rtlicher Korallenbruch aussahen. * eine Adelsgesellschaft, die ihren Namen von dem Bade hat, das ein Teil des Aufnahmezeremoniells ist.

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    Bolitho rieb die Krnchen in der Handflche auseinander und sagte zerstreut: Die Sechs Schweine.

    Hinter ihm murmelte Partridge bewundernd: Also, wenn ichs nicht gesehen htte, ich wrds nicht glauben.

    Bolitho sagte: Fallen Sie einen Strich ab und lassen Sie An die Brassen pfeifen.

    Keverne hstelte und fragte leise: Was bitte sind die Sechs Schweine, Sir?

    Sandbnke, Mr. Keverne. Wir sind jetzt ungefhr zwei Meilen sd-lich von St. Anthonys Head. Doch auf einmal genierte er sich, weil er so tat, als knne er Wunder wirken, und erluterte lchelnd: So heien diese Sandbnke warum, wei ich auch nicht. Aber seit ich denken kann, bedecken dort diese kleinen Steine den Grund.

    Rasch wandte er sich um und sah, da ein Streifen Sonnenlicht durch den Nebel drang und das Achterdeck wie ein blagoldener Fin-ger berhrte. Partridge und die anderen wrden die Ehrfurcht vor seiner Navigationskunst sehr rasch verlieren, wenn er sich in seinen Berechnungen geirrt hatte. Vielleicht war es auch mehr Instinkt als Berechnung gewesen. Schon lange, bevor er als schlaksiger zwlfjh-riger Midshipman zur See geschickt worden war, kannte er jede Bucht und Einfahrt in weitem Umkreise von Falmouth. Aber trotzdem konn-te einem das Gedchtnis einen Streich spielen, und es wre weder fr den Admiral noch fr seine eigenen Befrderungsaussichten sehr erfreulich gewesen, htte die Euryalus am frhen Morgen, in Sicht-weite seiner Heimatstadt, entmastet und aufgelaufen vor der Kste gelegen.

    Laut killten die groen Marssegel, das Deck krngte unter dem An-druck einer pltzlichen Brise, und wie ein fliehendes Geisterheer zog der Nebel durch die Takelage weg vom Schiff.

    Bolitho unterbrach sein Auf- und Abgehen. Er starrte auf das sich stndig erweiternde Panorama der grnen Kste vor dem Bug. Sie wurde immer breiter, immer lebensvoller. Dort es sah fast aus, als balanciere er auf dem Bugspriet stand der Leuchtturm von St. An-thony, normalerweise der erste Gru der Heimat an den heimkehren-den Seemann. Etwas nach Backbord hockte der graue Steinklotz von Pendennis Castle bedrohlich auf der Landzunge. Seine grauen Mauern trotzten der Sonne und ihrer Wrme; seit Jahrhunderten bewachte die Festung die Hafeneinfahrt und die Strae ins Landesinnere.

  • 12

    Bolitho leckte sich die Lippen. Sie waren trocken, und das nicht nur von der Salzluft.

    Kurs auf die Reede, Mr. Partridge! Ich gehe inzwischen zum Ad-miral.

    Partridge starrte ihn an und fate dann an seinen zerbeulten Hut. Aye, aye, Sir.

    Unter der Kampanje war es khl und dunkel nach der blendenden Helligkeit auf dem Httendeck; und als Bolitho zum Niedergang schritt, der zur Wohnkajte des Admirals fhrte, grbelte er immer noch darber nach, was die Zukunft ihm und seinem Schiff wohl brin-gen wrde. Whrend er leichtfig den Niedergang hinabeilte, wurde ihm pltzlich wieder einmal klar, mit was fr gemischten Gefhlen er damals das Kommando ber die Euryalus bernommen hatte. Es war durchaus nichts Ungewhnliches, Prisenschiffe in die Flotte zu ber-nehmen und gegen ihre frheren Herren einzusetzen, und meistens lie man ihnen auch den alten Namen. Viele Matrosen glaubten, den Schiffsnamen zu wechseln, bringe Unglck; aber was Seeleute so daherredeten, beruhte meist nur auf alten berlieferungen und nicht auf Tatsachen.

    Sie hatte vorher Tornade geheien und war das Flaggschiff des franzsischen Admirals Lequiller gewesen, der die britische Blockade durchbrochen hatte und in den Westatlantik bis zu den Kariben vorge-stoen war, wo er Tod und Verderben verbreitete*; doch schlielich hatte ihn ein relativ kleines britisches Geschwader in der Biskaya gestellt. Lequiller hatte vor Bolithos Schiff die Flagge streichen ms-sen, vor der alten Hyperion; aber er hatte den hochbetagten Zweidek-ker vorher so zusammengeschossen, da er nur noch ein schwimmen-des Wrack war.

    Die Lords der Admiralitt hatten entschieden, da Bolithos groe Prise umbenannt werden sollte, wohl hauptschlich aus verletzter Eitelkeit, denn Lequiller hatte sie mit diesem Schiff mehr als einmal berlistet. Komisch, dachte Bolitho damals, da die Herren, die Seiner Majestt Kriegsflotte von den Hhen der Admiralitt aus leiteten, so wenig von Schiffen und Seeleuten verstanden, da sie einen solchen Namenswechsel fr ntig hielten. Nur die neue Galionsfigur der Euryalus war englisch. Jethro Miller in St. Auste...