Diss Bergson

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    30-Nov-2015

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<ul><li><p>Das Leben zur Sprache bringen. Bergson und Heidegger im Lichte </p><p>eines buchstblich zeit-losen Problems. </p><p>Inaugural-Dissertation zur </p><p>Erlangung der Doktorwrde der Philosophischen Fakultt der Albert-Ludwigs-Universitt </p><p>Freiburg i.B. </p><p>vorgelegt von </p><p>Volker Thnnes aus Daun/Eifel </p><p>WS 2003/04 </p></li><li><p>2</p><p> Erstgutachter: Prof. Dr. Gnter Figal Zweitgutachter: Prof. Dr. Hans-Helmuth Gander Vorsitzende des Promotionsausschusses der Gemeinsamen Kommission der Philologischen, Philosophischen und Wirtschafts- und </p><p>Verhaltenswissenschaftlichen Fakultt: Prof. Dr. Elisabeth Cheaur </p><p>Datum der Disputation: 07.07.2004 </p></li><li><p> Aller wirklichen Uneinigkeit liegt ein Verstndnis zugrunde; die </p><p>Grundlosigkeit des Miverstndnisses besteht darin, da jenes vorlufige </p><p>Verstndnis fehlt, ohne das sowohl Einigkeit wie Uneinigkeit ein </p><p>Miverstndnis ist. </p><p>Denn da zwei Menschen wirklich uneinig sind, ist kein Miverstndnis: </p><p>sie sind genau deshalb uneinig, weil sie sich verstehen. </p><p>Sren Kierkegaard </p><p> Unsere Zeit will nur an Realitten glauben. Nun, ihre strkste Realitt ist </p><p>die Wissenschaft, und so ist die philosophische Wissenschaft das, was </p><p>unserer Zeit am meisten nottut. </p><p>Edmund Husserl </p><p>Gegenber jedwelchem Erlebnis tritt der Geist als Spielverderber auf. </p><p>E.M. Cioran </p></li><li><p>Inhaltsbersicht Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . III </p><p> Inhaltsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . V </p><p>Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 </p><p>I. Teil </p><p> Henri Bergson: Eine Philosophie des gesunden Menschenverstandes . . 4 1. Die Dauer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 </p><p>1.1. Zeit und Raum . . . . . . . . . . . . . . . . 10 1.2 Dauer als kontrapunktische Ausdehnung . . . . . . . . . 19 </p><p> 2. Die philosophische Intuition . . . . . . . . . . . . . . 30 3. Das Gedchtnis . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 </p><p> II. Teil </p><p> Bergson im Lichte Heideggers: Zwischen Intuition und Insinuation . . . . 55 4. Phnomenologie als Ursprungswissenschaft: Der Bekundungszusammenhang der vortheoretischen Sphre . . . . 57 </p><p>4.1 Der Begriff des Vortheoretischen . . . . . . . . . . . 60 4.2 Psychologie als vortheoretische Ursprungswissenschaft? . . . . . 67 </p><p> 5. Die Methodenfrage . . . . . . . . . . . . . . . . 79 6. Die hermeneutische Intuition . . . . . . . . . . . . . 89 7. Vollzug und Destruktion . . . . . . . . . . . . . 101 </p><p>7.1 Die Vollzugsfrage . . . . . . . . . . . . . . 107 7.2 Die phnomenologische Destruktion . .. . . . . . . . 114 </p><p> 8. Philosophie als existenzielle Grunderfahrung . . . . . . . . 127 </p><p> 8.1 Philosophie und Wissenschaft . . . . . . . . . . . 130 8.2 Sicherungstendenzen . . . . . . . . . . . . . 138 </p><p> Abschlieende Bemerkungen . . . . . . . . . . . . 146 Siglenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 </p><p> Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 </p></li><li><p>Vorwort </p><p>Ein Text wird niemals fertig. Er wird zu einem bestimmten Zeitpunkt fr fertig erklrt. </p><p>Gewiss - ein Gemeinplatz. Gleichwohl ein Gemeinplatz, dessen Bedeutung sich mir als </p><p>dem Verfasser der vorliegenden Untersuchung whrend der Zeit des Arbeitens daran </p><p>mehrfach offenbarte, was vor dem Hintergrund der behandelten Thematik den Leser </p><p>freilich kaum berraschen drfte. Insofern versteht sich der Text als Dokumentation </p><p>eines Suchens und eines Leitenlassens durch Fragen, die sich dem Denken stellen, wenn </p><p>es sich solchermaen suchend leiten lsst. </p><p>Die vorliegende Arbeit wurde im Sommer 2004 als Dissertation an der Philosophischen </p><p>Fakultt der Universitt Freiburg i.B. angenommen. Nachdem der Text seine vorliegende </p><p>Gestalt gefunden hat, mchte ich all jenen danken, die sein Entstehen begleitet haben. An </p><p>erster Stelle ist hier Herr Prof. Dr. Gnter Figal vom Philosophischen Seminar der </p><p>Albert-Ludwigs-Universitt Freiburg zu nennen, der sich im Anfangsstadium des Projekts </p><p>zu dessen Betreuung bereit erklrt hat. Seine Heidegger-Interpretation brachte mich </p><p>damals dazu, dessen Philosophie in neuer Weise kennenzulernen. Trotz einer fehlenden </p><p>Bekanntschaft aus dem Studium konnte durch die Mglichkeit zur Teilnahme am </p><p>intensiven gedanklichen Austausch in Form von Oberseminaren in Freiburg die </p><p>geographische Distanz zu meinem Wohnort wenn auch nicht berwunden, so doch </p><p>gleichsam verringert werden. </p><p>Ein herzlicher Dank gilt Herrn Prof. Dr. Werner Becker von der Justus-Liebig-</p><p>Universitt Gieen, der mich seinerzeit durch zahlreiche anregende Gesprche in meinem </p><p>Entschluss bestrkte, eine Dissertation ber die Philosophie des frhen Heidegger in </p><p>Angriff zu nehmen. Es waren die gemeinsamen Diskussionen mit ihm whrend der Zeit </p><p>meiner Ttigkeit am dortigen Zentrum fr Philosophie, die mich, stets zur verstndlichen </p><p>Formulierung meiner Gedanken angehalten, gewissermaen ber Bergson stolpern </p><p>lieen. Ferner danke ich meinen ehemaligen Kollegen vom Zentrum fr Philosophie, die </p><p>das Entstehen der Dissertation durch viele Gesprche und kritische Einwnde voran </p><p>gebracht haben. Hier mchte ich vor allem Herrn Dr. Reiner Hedrich nennen, mit dem in </p><p>intellektueller Atmosphre verschiedene Aspekte zu diskutieren stets eine Bereicherung </p><p>fr den Fortgang des Projekts war. </p><p>Fr die Hilfe beim Korrekturlesen richte ich meinen freundschaftlichen Dank an Herrn </p><p>Jens Rieger, M.A., der mir trotz oder gerade wegen der Unvertrautheit mit der Thematik </p><p>viele wertvolle Hinweise gegeben hat. Mein ganz besonderer Dank gilt schlielich Frau </p><p>Dr. Barbara Klose von der Bibliothek fr Hermeneutik an der Justus-Liebig-Universitt </p><p>in zahlreichen von allen potentiell denkbaren Hinsichten; insbesondere fr die Schaffung </p><p>einer stets angenehmen Gesprchsatmosphre und die kompetente und kritische </p><p>Begleitung des Projekts. </p><p>Widmen mchte ich die Arbeit meinen Eltern - als symbolischen Ausdruck fr all das, </p><p>was sich mit Worten nicht wiedergeben lsst. </p><p>V.T.</p></li><li><p>6</p><p>INHALTSVERZEICHNIS </p><p>Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . III </p><p>Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 </p><p>I. TEIL </p><p>HENRI BERGSON: EINE PHILOSOPHIE </p><p>DES GESUNDEN MENSCHENVERSTANDES </p><p>ERSTES KAPITEL </p><p>DIE DAUER </p><p>ZEIT UND RAUM . . . . . . . . . . . . . . . 10 </p><p>Der verrumlichte Zeitbegriff des Alltags . . . . . . . . . 10 </p><p>Ausdehnung und Vernderung . . . . . . . . . . . . 11 </p><p>Zeit als vierte Dimension des Raumes . . . . . . . . . . 13 </p><p>Die reine Vernderung . . . . . . . . . . . . . . 14 </p><p>Die Verbundenheit von Zahlvorstellung und Ausdehnung . . . . . 15 </p><p>Faktisches Erfahren und Exterioritt . . . . . . . . . . 16 </p><p>Die genuine Zeiterfahrung als unaufhrliche Sukzession . . . . . 18 </p><p>DAUER ALS KONTRAPUNKTISCHE AUSDEHNUNG . . . . 19 </p><p>Die innere Dauer als ursprngliche Zeiterfahrung . . . . . . . 19 </p><p>Affektive Zustnde und Quantifizierung im Raum . . . . . . . 21 </p><p>Transponierung von Qualitt in Quantitt durch das Denken . . . . 22 </p><p>Die Manifestation des quantifizierenden Denkens: </p><p>Naturalismus und Determinismus . . . . . . . . . . . 24 </p><p>Psychische Kausalitt und faktisches Erfahren . . . . . . . . 26 </p><p>Wir sind Zeit: Die Erfahrensweise der Dauer . . . . . . . . 27 </p><p>ZWEITES KAPITEL </p><p>DIE PHILOSOPHISCHE INTUITION </p><p>Zur Aufgabe gestellt: Erfassen des Qualitativen diesseits der Theorie . . 30 </p><p>Die Analyse als theoretischer Ordnungszusammenhang . . . . . 31 </p><p>Die philosophische Intuition: Erfassen des Ich als eines Absoluten . . 33 </p><p>Sprichwrtliche Wiederbelebung der Metaphysik . . . . . . . 35 </p><p>Theoriefreier Vollzug diesseits von Ordnungsrahmen: </p><p>Das Leben zur Sprache bringen . . . . . . . . . . . 36 </p><p>Subjektivitt, Individuelles und Intuition . . . . . . . . . 38 </p><p>Die philosophische Intuition: Methodisches Hineinversetzen </p><p>in die vortheoretische Faktizitt . . . . . . . . . . . 39 </p></li><li><p>7</p><p>DRITTES KAPITEL </p><p>DAS GEDCHTNIS </p><p>Das Absehen des Naturalismus vom Geschichtlichen . . . . . . 42 </p><p>Gedchtnisinhalte und Aktualitt . . . . . . . . . . . 43 </p><p>Das Abrufen von Gedchtnisinhalten als buchstbliches Er-innern . . 44 </p><p>Gegenwart und Vergangenheit, Materialitt und Virtualitt . . . . . 45 </p><p>Die Lebendigkeit der Gegenwart im faktischen Erleben . . . . 47 </p><p>Gegenwart und Vergangenheit im konkreten Lebensvollzug . . . 49 </p><p>Die Einheit von Bewusstsein und Gedchtnis: </p><p>Die Materialisierung der Erinnerung . . . . . . . . . . . 51 </p><p>Diesseits der Theorie: Der Vollzugscharakter des faktischen Lebens . . 52 </p><p>II. TEIL </p><p>BERGSON IM LICHTE HEIDEGGERS: </p><p>ZWISCHEN INTUITION UND INSINUATION </p><p>VIERTES KAPITEL </p><p>PHNOMENOLOGIE ALS URSPRUNGSWISSENSCHAFT: </p><p>DER BEKUNDUNGSZUSAMMENHANG </p><p>DER VORTHEORETISCHEN SPHRE </p><p>DER BEGRIFF DES VORTHEORETISCHEN . . . . . . . 60 </p><p>Das Verkennen des Vortheoretischen durch die </p><p>zeitgenssische Philosophie . . . . . . . . . . . . . 60 </p><p>Das vortheoretische welten der Welt . . . . . . . . . . 62 </p><p>Der Begriff des vortheoretischen Lebens an sich . . . . . . . 64 </p><p>Die vortheoretische Welterfahrung als Ausgangspunkt </p><p>der Ursprungswissenschaft . . . . . . . . . . . . . 65 </p><p>PSYCHOLOGIE ALS VORTHEORETISCHE </p><p>URSPRUNGSWISSENSCHAFT? . . . . . . . . . . . 67 </p><p>Die Differenz des Vortheoretischen und der empirischen Objektsphre . 67 </p><p>Der Primat des Theoretischen: Die Voraussetzungen der Psychologie . 69 </p><p>Die differierenden Bekundungszusammenhnge von Naturwissenschaft </p><p>und Ursprungswissenschaft . . . . . . . . . . . . 70 </p><p>Die Situationsumbildung durch die Wissenschaft . . . . . . . 72 </p><p>Die Modifikation der Selbstwelterfahrung durch die Kenntnisnahme . . 73 </p><p>Die Verfestigung der Modifikation zur Leitidee der Dinglichkeit . . 76 </p><p>Diesseits der Modifikation: Die Distanzlosigkeit der Ursprungswissenschaft 77 </p></li><li><p>8</p><p>FNFTES KAPITEL </p><p>DIE METHODENFRAGE </p><p>Die Unechtheit und Verwirrung innerhalb der Psychologie . . . . 81 </p><p>Die Inadquatheit der Annahme einer psychischen Kausalitt . . . . 84 </p><p>Der Bekundungszusammenhang des faktischen Lebens . . . . . . 86 </p><p>Die Ursprungswissenschaft als Extrapolation der Zugespitztheit </p><p>auf die Selbstwelt . . . . . . . . . . . . . . . . 86 </p><p>SECHSTES KAPITEL </p><p>DIE HERMENEUTISCHE INTUITION </p><p>Diltheys Ideen ber eine beschreibende und zergliedernde Psychologie . 92 </p><p>Psychologie als Verstehen des Lebenszusammenhangs . . . . . . 94 </p><p>Hermeneutische Ursprungswissenschaft und Gegenstndlichkeit . . . 95 </p><p>Die hermeneutische Intuition und der Situationscharakter </p><p>des faktischen Lebens . . . . . . . . . . . . . . 97 </p><p>SIEBTES KAPITEL </p><p>VOLLZUG UND DESTRUKTION </p><p>Neuakzentuierung: Existenz, Vollzug und Destruktion . . . . . . 102 </p><p>Die Auseinandersetzung mit Bergson: Parallelen und Neuorientierungen . 103 </p><p>Radikalisierung des ursprungswissenschaftlichen Projekts . . . . . 105 </p><p>DIE VOLLZUGSFRAGE . . . . . . . . . . . . . 107 </p><p>Phnomenologie als Wieder-Vordringen zur Idee der Philosophie . . 107 </p><p>Heidegger und Bergsons These von der Verrumlichung des Denkens . 108 </p><p>Die Inadquatheit von Ordnungsrahmen im Hinblick </p><p>auf das Vollzugsmoment . . . . . . . . . . . . . . 110 </p><p>Bedeutsamkeit und Ordnungszusammenhang . . . . . . . . 112 </p><p>DIE PHNOMENOLOGISCHE DESTRUKTION . . . . . . 114 </p><p>Philosophie als Element der faktischen Lebenserfahrung . . . . . 114 </p><p>Philosophische Grunderfahrung und lebendiges Verstehen: </p><p>Das Situationsphnomen . . . . . . . . . . . . . . 115 </p><p>Phnomenologische Ursprungscharakteristik . . . . . . . . 117 </p><p>Existenzielle Begriffe gegen das Verblassen der Bedeutsamkeit . . . 119 </p><p>Die Durchfhrung der Destruktion . . . . . . . . . . . 121 </p><p>Radikalisierung des Lebensbegriffs . . . . . . . . . . . 123 </p><p>Zur Sprache bringen des Lebens . . . . . . . . . . . . 125</p></li><li><p>9</p><p>ACHTES KAPITEL </p><p>PHILOSOPHIE ALS EXISTENZIELLE GRUNDERFAHRUNG </p><p>PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFT . . . . . . . . . 130 </p><p>Erneuter Anlauf: Die faktische Lebenserfahrung als Ausgangspunkt </p><p>der Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . 130 </p><p>Die Zergliederung des Weltphnomens durch die Wissenschaften . . . 132 </p><p>Die Indifferenz und Selbstgengsamkeit des faktischen Lebens . . . 134 </p><p>Die Verdeckung der Philosophie im Wechsel der Einstellung . . . . 136 </p><p>SICHERUNGSTENDENZEN . . . . . . . . . . . . 138 </p><p>Philosophie als Unsicher-machen des Daseins . . . . . . . . 139 </p><p>Die Bekmmerung des Daseins um sich selbst . . . . . . . . 140 </p><p>Das Absehen vom Historischen als Ausdruck der Sicherungstendenz </p><p>des Daseins . . . . . . . . . . . . . . . . 142 </p><p>Das Lebensphnomen in Abgrenzung zum wissenschaftlichen Objekt . 143 </p><p>Die Aufgabe der Philosophie . . . . . . . . . . . . . 144 </p><p>ABSCHLIESSENDE BEMERKUNGEN . . . . . . . . . 146 </p><p>Siglenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . 150 </p><p>Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . 151 </p></li><li><p>Einleitung </p><p> Man soll nicht Ursache und Wirkung fehlerhaft verdinglichen, </p><p>wie es die Naturforscher thun (und wer gleich ihnen heute im Denken naturalisirt -) gemss der herrschenden mechanistischen Tlpelei, welche die Ursache drcken </p><p>und stossen lsst, bis sie wirkt; man soll sich der Ursache und Wirkung eben nur als reiner Begriffe bedienen,das heisst als conventioneller Fiktionen </p><p>zum Zweck der Bezeichnung, der Verstndigung, nicht der Erklrung. [Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Bse (1886). </p><p>Erstes Hauptstck: von den Vorurtheilen der Philosophen] </p><p>Mit der Grndung des ersten experimentalpsychologischen Labors in Leipzig durch </p><p>Wilhelm Wundt im Jahre 1879 wird ein institutionelles Faktum geschaffen, das sich als </p><p>Metapher fr einen Konflikt verstehen lsst, der sich in der zweiten Hlfte des 19. Jahr-</p><p>hunderts manifestiert und im frhen 20. Jahrhundert zunehmend verschrft: Die Psycho-</p><p>logie ist im Begriff, sich mit der Erforschung des individuellen Bewusstseinslebens ein </p><p>thematisches Feld zueigen zu machen, das traditionell von der Philosophie behandelt </p><p>wird. Durch eine Orientierung am naturwissenschaftlichen Vorbild postuliert die mo-</p><p>derne Psychologie insofern Wissenschaft vom Leben zu sein, als sie Regelhaftigkeiten </p><p>und Gesetzmigkeiten innerhalb des psychischen Geschehens untersuchen und </p><p>aufzeigen will. </p><p>So bezeichnet es Wundt [1832-1920], Begrnder der experimentell und physiologisch </p><p>ausgerichteten sogenannten Leipziger Schule, als Aufgabe der Psychologie in Form einer </p><p>empirischen Wissenschaft vom Bewusstsein, sich lediglich zweier Grundfragen anzuneh-</p><p>men: Welches sind die Elemente des Bewutseins? Welche Verbindungen gehen diese </p><p>Elemente ein und welche Verbindungsgesetze lassen sich hierbei feststellen?1 Hermann </p><p>Ebbinghaus [1850-1909], unter dessen Arbeiten vor allem experimentelle Studien zur </p><p>Gedchtnisleistung zu nennen sind, spricht gar von letzten Elemente[n] des Seelen-</p><p>lebens, die aufzufinden das zentrale Ziel der Psychologie sei. Die Vorstellung einer </p><p>strengen Gesetzmigkeit alles seelischen Geschehens sei die Grundvoraussetzung aller </p><p>ernsthaften psychologischen Forschung.2 </p><p>Unter dem Forschungsparadigma stehend, dass das individuelle Bewusstseinsleben </p><p>objektiven Gesetzmigkeiten unterliegt, die prinzipiell experimentell erforschbar sind, ist </p><p>somit ein radikal modifiziertes Menschenbild im Begriff, im akademischen Kontext Fu </p><p>zu fassen. Die Philosophie sieht sich daher im spten 19. Jahrhundert gleichsam heraus-</p><p>gefordert, dem gegenber ihren Status als originre Wisse...</p></li></ul>