Dissertation Melodienmerken

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    28-Oct-2015

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  • I

    Humboldt-Universitt zu Berlin

    Dissertation

    Absolutes und nichtabsolutes Hren Einflussfaktoren auf das Erinnern von Tonarten

    zur Erlangung des akademischen Grades

    doctor rerum naturalium (Dr. rer. nat)

    Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultt II

    Dipl.-Psych. Kathrin B. Schlemmer

    geb. am 18. Mrz 1973 in Berlin

    Dekan: Prof. Dr. Uwe Kchler

    Gutachter: 1. Frau Prof. Dr. Elke van der Meer

    2. Herr Prof. Dr. Wolfgang Auhagen

    3. Herr Prof. Dr. Oliver Vitouch

    eingereicht: 15. April 2005

    Datum der Promotion: 6. Juli 2005

  • II

    Zusammenfassung

    In der vorliegenden Arbeit wurde mit einer Reihe von Experimenten geprft, ob sich die Ton-arterinnerung von Nichtabsoluthrern durch aus der Gedchtnisforschung abgeleitete Ein-flussfaktoren erklren lsst. Zunchst erfolgte eine theoretische Betrachtung des Tonartge-dchtnisses sowohl aus musikpsychologischer als auch aus gedchtnispsychologischer Per-spektive. Die Analyse von Befunden zum latenten und echten absoluten Gehr zeigte, dass eine Reihe von potenziellen Einflussfaktoren auf die Tonarterinnerung betrachtet wer-den muss, um herauszufinden, ob es sich bei diesen beiden Phnomenen um unterschiedli-che Ausprgungen derselben Fhigkeit handelt.

    Um den Einfluss von Faktoren der Melodien, der Melodie-Lernenden und der Art des Melo-die-Lernens auf die Tonarterinnerung zu prfen, wurden insgesamt 268 Probanden gebeten, vertraute Melodien aus dem Gedchtnis zu singen. Unabhngige Variablen waren die musi-kalische Expertise der Probanden, ihre Fhigkeit Tne zu benennen, die Form und die Inten-sitt des dem Experiment vorangegangenen Melodie-Lernens sowie verschiedene Charakte-ristika der Melodien. Abhngige Variable war die Genauigkeit, mit der die Originaltonarten der Melodien produziert wurden. Es konnten Effekte der Hr-Hufigkeit, der musikalischen Expertise, der Tonbenennung, der Melodie-Eingngigkeit sowie ein Effekt motorischer Kon-textinformationen auf die Genauigkeit der Tonarterinnerung nachgewiesen werden.

    Um den Hufigkeitseffekt mit einer weiteren Anforderung zu untersuchen, wurde in einem weiteren Experiment die Tonbenennungsleistung von Absoluthrern und Nichtabsoluthrern verglichen. Dabei kam die Methode der Pupillometrie zum Einsatz, um Unterschiede in der mentalen Beanspruchung beim Benennen von Tnen unterschiedlicher Klangfarbe und Ton-klasse nachweisen zu knnen. Die Ergebnisse sttzen die Annahme, dass das hufige H-ren bestimmter Tne sowohl bei Absoluthrern als auch bei Nichtabsoluthrern die Tonbe-nennung erleichtert. Dies verweist darauf, dass auch bei der musikspezifischen Aufgabe der Tonbenennung ein so grundlegendes Prinzip des menschlichen Gedchtnisses wie die Sta-bilisierung von Gedchtnisinhalten durch Wiederholung zum Tragen kommt.

    Insgesamt weisen die Ergebnisse darauf hin, dass Tonarterinnerung ein komplexes Phno-men ist, fr das eine alleinige Erklrung als latentes absolutes Gehr zu kurz greift. Statt einer schwachen Ausprgung einer hochspezialisierten Fhigkeit scheint es sich eher um eine eigene Form des Erinnerns, die auf allgemeingltigen Gedchtnisprinzipien beruht, zu handeln.

    Schlagworte: Melodiegedchtnis, absolutes Gehr, Tonartgedchtnis, Langzeitgedchtnis, Arbeitsgedchtnis

  • III

    Abstract

    In this thesis, memory for musical keys among absolute pitch nonpossessors, which is often referred to as latent absolute pitch, is examined. A theoretical analysis focused on existing research about latent and manifest absolute pitch. Evidence from music-psychological and general memory research as well as neuropsychological evidence was considered. The review of existing research revealed that several factors are potentially relevant for the mem-ory of musical keys and should be considered in trying to determine whether latent and manifest absolute pitch can be described as different levels of the same ability on an abso-lute pitch continuum.

    To examine whether characteristics of learned melodies, of melody-learners, and of melody-learning influence memory for musical keys among absolute pitch nonpossessors, 268 par-ticipants were asked in a series of experiments to sing familiar melodies from memory. Inde-pendent variables were the musical expertise of participants, their ability to label pitches, type and intensity of melody-learning, and characteristics of the learned melodies. The accu-racy with which learned melodies could be produced in the original key was the dependent variable. Results revealed that frequency of melody-learning as well as participants musical expertise and ability to label pitches influence the accuracy of key production. Whether or not a melody is catchy as well as the existence of different types of motor imagery are further influencing factors for the accuracy of key production.

    To examine the frequency-of-hearing effect in more detail, another experiment compared the pitch labeling performance of absolute pitch possessors and nonpossessors. Pupillary re-sponses were measured in order to show differences in mental resource allocation when labeling pitches of different key colors or timbres. Results support the assumption that fre-quent exposure to pitches of certain key colors or timbres facilitate their labeling among both absolute pitch possessors and nonpossessors. This suggests that basic principles of human memory such as learning by frequency of exposure affect also very specific tasks such as pitch labeling.

    Taken together, the results suggest that memory for musical keys is a complex phenomenon which can not adequately be described as being simply a latent or weak form of absolute pitch. Instead, memory for musical keys can be described as a normal memory mechanism, influenced by factors known to influence numerous other forms of human memory.

    Keywords: Tune memory, absolute pitch, memory for musical keys, long term memory, working memory

  • IV

    fr Mathilda

  • V

    Danksagung

    Die vorliegende Arbeit, insbesondere die Durchfhrung der Experimente, wre ohne die Hilfe zahlreicher Personen nicht mglich gewesen, bei denen ich mich an dieser Stelle bedanken mchte.

    Mein Dank gilt an erster Stelle meiner Betreuerin, Prof. Dr. Elke van der Meer. Bei ihr fand ich jederzeit ein offenes Ohr fr alle theoretischen und praktischen Fragen, die im Laufe der Arbeit entstanden sind. Ich habe mich bei ihr und am Lehrstuhl fr Kognitive Psychologie der Humboldt Universitt wissenschaftlich und menschlich sehr gut aufgehoben gefhlt und mchte mich fr die vielen fruchtbaren Diskussionen im Forschungskolloquium bedanken. Ebenso mchte ich auch Prof. Dr. Oliver Vitouch, Prof. Dr. Wolfgang Auhagen und Prof. Dr. Christian Kaernbach fr zahlreiche Tipps und hilfreiche Diskussionen in allen Phasen dieser Arbeit sehr herzlich danken.

    Fr die Untersttzung bei der Datenerhebung mchte ich mich bei Franziska Kulke, Maria Deutschmann, Melanie Radalewski, Kathleen Nepp, Bettina Wagner, Gigliola Danko, Marie Melzer, Vivien Melcher, Charlotte Krug, Anja Horn, Elke Sellnau, Anne Reimann, Dorothea Ullwer, Falk Nindel, Johanna Schattkowsky, Stefanie Cuff und Tina Gooren bedanken.

    An meinen Experimenten zur Ton- und Tonarterinnerung haben zahlreiche Chorsnger, Mu-siker und Freunde ohne eine finanzielle Entschdigung teilgenommen. Fr ihre Geduld und ihr Interesse mchte ich mich sehr herzlich bedanken. Ich danke auch Ralf Sochaczewsky, Frank Markowitsch, Ud Joffe und Herbert Hildebrandt fr die Hilfe beim Rekrutieren von Ver-suchsteilnehmern in ihren Chren. Katrin Kobin mchte ich fr ihren unermdlichen Eifer bei dem Versuch, die Schler des Droste-Hlshoff-Gymnasiums fr die Versuchsteilnahme zu begeistern, danken. Ich danke auch Herrn Zajonc von der Anna-Freud Oberschule. Fr die geduldige Beurteilung von ber 100 Melodie-Ausschnitten bedanke ich mich sehr herzlich bei Prof. Hartmut Fladt, Mirjam Schlemmer und Clemens Schlemmer.

    Fr die Untersttzung beim Herstellen der Musikbeispiele mchte ich Ulrich Naud, Ralf So-chaczewsky, Maike Bhle, Hans-Joachim Maempel und Peter Sonntag danken. Dem MPI fr Bildungsforschung danke ich fr die grozgige berlassung ihres Clavinovas. Fr ihre Be-ratung in Fragen der statistischen Auswertung danke ich Prof. Dr. Jrgen Bortz, Dr. Stefan Klein und besonders Lars Kuchinke. Fr die unschtzbare Hilfe beim Programmieren der Experimente in Matlab danke ich Dirk Neumann.

    Fr die Frderung dieser Arbeit mchte ich dem evangelischen Studienwerk Villigst sehr herzlich danken. Auerdem mchte ich mich bei Sabine Schulz fr ihre organisatorische Untersttzung und ihr offenes Ohr whrend meiner Arbeitspausen bedanken. Schlielich mchte ich mich bei meinen Eltern fr die ideelle und tatkrftige Untersttzung whrend des Entstehens dieser Arbeit bedanken. Mein besonderer Dank gilt meinem Mann Clemens Schlemmer, der mir in allen Phasen der Arbeit und besonders im letzten Jahr ein guter Be-gleiter war, mir den Rcken freigehalten und mich darin bestrkt hat, dass dies der richtige Weg ist!

  • VI

    Inhaltsverzeichnis

    Zusammenfassung................................................................................................... II

    Abstract .................................................................................................................... III

    Danksagung.............................................................................................................. V

    Einleitung .................................................................................................................. 1

    1 Vom Ton zur Melodie ........................................................................................ 2

    2 Charakterisierung des absoluten Gehrs ....................................................... 9 2.1 Definitionen................