Glück und gutes Leben Subjektivismus versus Objektivismus Prof. Kirsten Meyer WS 2010/11 VL Glück und gutes Leben

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    05-Apr-2015

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<ul><li> Folie 1 </li> <li> Glck und gutes Leben Subjektivismus versus Objektivismus Prof. Kirsten Meyer WS 2010/11 VL Glck und gutes Leben </li> <li> Folie 2 </li> <li> Rckblick auf die letzte Vorlesung Dem Rekurs auf informierte Wnsche wird ein Objektivismus unterstellt. Oder sogar vorgeschlagen, diesen offensiv durch eine objektivistische Konzeption des guten Lebens zu ersetzen. Aber was ist das berhaupt? </li> <li> Folie 3 </li> <li> Was sagt ein Objektivist zum Glck? 1. Rede des Objektivisten: Der Subjektivist sagt, dass Menschen mit ganz verschiedenen Dingen glcklich sind. Zum Thema Glck kann man seiner Meinung nach nichts Allgemeingltiges sagen. Das stimmt aber nicht. Denn es gibt Dinge, die sind fr jeden von uns gut oder wichtig also objektiv gut. Aber gegen wen knnte sich diese Rede richten? </li> <li> Folie 4 </li> <li> John Locke Der Geschmack des Geistes ist wie der des Gaumens verschieden, und es wre ein ebenso vergebliches Bemhen, alle Menschen mit Reichtum oder Ruhm zu erfreuen (worin mancher sein Glck sucht), als den Hunger aller Menschen durch Kse und Hummern stillen zu wollen; beides kann wohl diesen und jenen eine sehr bekmmliche Kost sein, andern aber kann es hchst zuwider und unzutrglich sein. (...) </li> <li> Folie 5 </li> <li> John Locke (...) Das drfte auch der Grund sein, warum die Philosophen des Altertums vergeblich danach forschten, ob das summum bonum im Reichtum, im sinnlichen Genu, in der Tugend oder in der Kontemplation bestehe; (...) </li> <li> Folie 6 </li> <li> John Locke (...) mit ebensolchem Recht htte man darber streiten knnen, ob pfel, Pflaumen oder Nsse am besten schmecken, und sich danach in Schulen teilen knnen. (...) Die Menschen mgen verschiedene Dinge whlen und doch alle die richtige Wahl treffen. John Locke, Versuch ber den menschlichen Verstand, 2. Buch, Kapitel XXI, Sektion 55, zit. nach der deutschen Ausgabe. Hamburg: Meiner 1981, S. 322. </li> <li> Folie 7 </li> <li> Allerdings: Subjektivisten mssen keineswegs bestreiten, dass es jenseits der vielen Unterschiede auch sehr grundlegende Gemeinsamkeiten zwischen Menschen gibt. So ist z.B. die Befriedigung der Grundbedrfnisse (z.B. nach Nahrung) fr jeden von uns wichtig. These: Niemand wird glcklich, wenn elementare Bedrfnisse unbefriedigt bleiben. </li> <li> Folie 8 </li> <li> Explikation der These Menschen sind sich qua ihrer biologischen Natur so hnlich, dass es (jenseits der vielen Unterschiede) auch sehr grundlegende Gemeinsamkeiten gibt. Diese Gemeinsamkeiten sorgen dafr, dass bestimmte Dinge gut fr alle Menschen sind. In diesem Sinne sind sie objektiv gut. </li> <li> Folie 9 </li> <li> Das ist aber mit dem Hedonismus gut vertrglich Der Hedonist kann sagen: Wie gut oder schlecht unser Leben verluft, entscheidet sich daran, wie freud- oder leidvoll es ist. Ein Leben, in dem elementare Grundbedrfnisse unbefriedigt bleiben, ist aber ein sehr leidvolles Leben. </li> <li> Folie 10 </li> <li> Zwischenergebnis Insofern knnte auch der Hedonist sagen: Manchen Dinge sind objektiv gut in dem Sinne, dass sie fr jeden von uns gut sind. Auerdem kann er sagen: Das wrde (z.B. in Bezug auf die Befriedigung der Grundbedrfnisse) jeder von uns selbst genauso sehen. In diesen Dingen gibt es gerade keinen Dissens. </li> <li> Folie 11 </li> <li> Ergnzung Zudem gibt es auch Objektivisten, die einrumen, dass nicht fr jeden von uns dieselben Dinge gut sind. </li> <li> Folie 12 </li> <li> Ergnzung Schaber: Ist etwas fr Personen unabhngig von ihren Wnschen gut, bedeutet das nicht, dass fr alle Personen dieselben Dinge gut sind. Unterschiedliche Fhigkeiten, Biographien und soziale Umfelder fhren dazu, dass unterschiedliche Dinge fr Personen gut sein knnen. Die Vertreter einer objektiven Theorie des guten Lebens haben keinen Grund, dies in Zweifel zu ziehen. Schaber, Peter: Grnde fr eine objektive Theorie des menschlichen Wohls. In: Steinfath, Holmer (Hrsg.): 1998: Was ist ein gutes Leben? Philosophische Reflexionen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 149-166, hier S. 165. </li> <li> Folie 13 </li> <li> Aber gegen wen richtet sich dann noch die Rede des Objektivisten? 2. Rede des Objektivisten: Wenn wir uns fragen, wie gut das Leben einer Person verluft, dann hngt die Antwort von dieser Frage nicht (lediglich) von der eigenen Einschtzung dieser Person ab. Es gibt Dinge, die sind objektiv gut oder schlecht fr sie, unabhngig davon, wie sie selbst das subjektiv sieht. </li> <li> Folie 14 </li> <li> Beispiel [A] persons good is a different thing from what she holds good, either actually or rationally, even from her point of view. Stephen Darwall (2002): Welfare and rational Care. Princeton University Press, S. 1. </li> <li> Folie 15 </li> <li> Aber gegen wen wendet sich diese Rede? Auch der individualethische Hedonist knnte denjenigen kritisieren, der Freude nicht fr einen zentralen Bestandteil des guten Lebens hlt. Insofern knnte auch der Hedonist sagen: Ein freudvolles Leben ist eben objektiv gut wer das anders sieht, hat etwas Wesentliches bersehen. </li> <li> Folie 16 </li> <li> Was sagt ein Objektivist nun? 3. Rede des Objektivisten: Es gibt aber nicht nur dieses eine Gut Freude, sondern es gibt auch andere objektive Gter. Daher sollten wir uns nicht lediglich daran orientieren, was uns Freude bereitet, sondern auch an anderen objektiv wertvollen Dingen. Das gilt brigens auch fr den Wunschtheoretiker. Es kommt nicht nur auf unsere Wnsche an. </li> <li> Folie 17 </li> <li> Beispiel [A]n objective theory of the good [..] holds that certain states and activities are good, not because of any connection with desire, but in themselves. Thomas Hurka (1993): Perfectionism. New York: Oxford University Press, S. 5. </li> <li> Folie 18 </li> <li> Frage: Welche Zustnde und Aktivitten sind also jenseits solcher Wnsche an sich gut? Der Objektivist sagt: Jedenfalls nicht nur Freude (bzw. die Dinge, die Freude bereiten). Strker: Freude ist berhaupt kein entscheidendes Kriterium. Im Folgenden: Die schwchere Variante. </li> <li> Folie 19 </li> <li> Subjektivismus versus Objektivismus Aufschlussreich: Unterscheidung, die sich bei Sher (1997) findet. Den Subjektivismus charakterisiert Sher so, dass alles, was gut (fr uns) ist, entweder auf unsere aktuellen oder idealen Wnsche (desires), Wahlakte (choices) oder Freuden (enjoyments) oder eine Kombination dieser Dinge zurckgefhrt werde. </li> <li> Folie 20 </li> <li> Objektivismus Der Objektivist (bei Sher: Perfektionist) bestreite hingegen, dass dies ausreiche: By contrast, if a view denies that these factors exhaust the determinants of value, I shall call it a form of perfectionism. </li> <li> Folie 21 </li> <li> Objektivismus Der Objektivist nehme also an, dass manche Dinge auch unabhngig davon gut (fr uns) seien, ob sich dadurch unsere Wnsche erfllen oder ob wir uns an diesen Dingen freuen knnen. </li> <li> Folie 22 </li> <li> Objektivismus = Perfektionismus Die Gegenposition zum Subjektivismus bezeichnet Sher (mit vielen anderen) nicht als Objektivismus, sondern als Perfektionismus. Daran hngt jedoch inhaltlich nichts man htte auch Objektivismus sagen knnen. </li> <li> Folie 23 </li> <li> Subjektivismus Ein Subjektivist ist also (nach Sher) entweder der Auffassung, dass es an unseren Einstellungen hngt, wie gut unser Leben verluft (A), oder er sagt, dass wir dazu die Qualitt unserer Erfahrungen in den Blick nehmen mssen (B). A: Wunschtheorie B: Hedonismus </li> <li> Folie 24 </li> <li> Subjektivismus Es kann natrlich auch Subjektivisten geben, die meinen, dass beides wichtig ist, wobei dann das genaue Verhltnis zwischen (A) und (B) genauer geklrt werden msste. (Das waren die in der letzten Vorlesung diskutieren Mischformen zwischen Hedonismus und Wunschtheorie) </li> <li> Folie 25 </li> <li> Noch einmal: Subjektivismus Es hngt an unseren Einstellungen, wie gut unser Leben verluft (A) oder/und Es hngt an der Qualitt unserer Erfahrungen, wie gut unser Leben verluft (B). </li> <li> Folie 26 </li> <li> Objektivismus Vertreter einer objektivistischen Konzeption des guten Lebens meinen hingegen, darber hinaus sei auch (C) dafr mageblich, wie gut unser Leben verluft. Wir werden im Folgenden insbesondere klren mssen, was genau sich hinter C verbirgt. Ein Beispiel vorab: C = Die Entwicklung bestimmter Fhigkeiten. </li> <li> Folie 27 </li> <li> Objektivismus Objektivisten knnten allerdings behaupten, dass (A) und (C) oder (B) und (C) notwendig miteinander verknpft sind. So knnten sie z.B. annehmen, dass eine Entwicklung unserer Fhigkeiten tatschlich und sogar notwendig Lust gewhrt. Und in dieser Hinsicht wre (C) dann nicht unabhngig von (B). </li> <li> Folie 28 </li> <li> Objektivismus Aber: Unabhngigkeit der Begrndung. Der Objektivist sagt: (C) ist auch unabhngig von (B) ein Grund dafr, den Verlauf des Lebens als besser oder schlechter zu beurteilen. </li> <li> Folie 29 </li> <li> Unabhngigkeit der Begrndung Objektivisten knnten z.B. behaupten, dass die Entwicklung bestimmter Fhigkeiten (C) an sich gut ist, und nicht gut, weil dies Lust gewhrt. Vgl. dazu z.B. Hurka. </li> <li> Folie 30 </li> <li> Unabhngigkeit der Begrndung Allerdings: Der Verweis darauf, dass etwas an sich gut ist, stellt fr denjenigen, der anderer Auffassung ist, keine befriedigende Begrndung dar. Der Objektivist muss also nach einer anderen Begrndung suchen. Im Folgenden: 1. Wofr (fr welches C) argumentieren einzelne Objektivisten? 2. Wie begrnden sie das? </li> <li> Folie 31 </li> <li> Welches C? 1. Vorschlag: Objektiv wertvoll ist die bestmgliche Entwicklung spezifisch menschlicher Fhigkeiten Neo-aristotelischer Ansatz. Vertreten z.B. von Hurka 1993, Foot 2003. </li> <li> Folie 32 </li> <li> Hurkas Position Certain properties [...] constitute human nature or are definitive of humanity they make humans humans. The good life [...] develops these properties to a high degree or realizes what is central to human nature. Hurka 1993, S. 3. </li> <li> Folie 33 </li> <li> Welches C? 2. Vorschlag Es gibt objektiv wertvolle Dinge, deren Wert nicht mit Hilfe des 1. Vorschlags erklrt werden muss. (Also nicht so, wie die Neo- Aristoteliker das tun). Das gute menschliche Leben besteht in der Realisierung dieser Dinge. </li> <li> Folie 34 </li> <li> Objektive Listen Auch objective-list-theories des guten Lebens genannt Darunter versteht Parfit (1984, S. 493) Theorien, die folgendes behaupten: [C]ertain things are good or bad for us, whether or not we want to have the good things, or to avoid the bad things. </li> <li> Folie 35 </li> <li> Objektive Listen Aber wieso Listen? Es geht dabei um die Verteidigung einer Liste von objektiv guten Dingen, die das Leben besser machen. </li> <li> Folie 36 </li> <li> Objektive-Liste-Theorie The theory holds that what is intrinsically good for an individual, good for its own sake rather than as a means to some further good, is to get or achieve the items that are specified on a correct and complete list of such goods. Richard Arneson (1999): Human Flourishing versus Desire Satisfaction. In: Social Philosophy and Policy 16 (Cambridge University Press), S. 113-143, hier S. 118. </li> <li> Folie 37 </li> <li> Exkurs zum Hedonismus Man knnte allerdings auch den Hedonisten als Vertreter einer solchen Theorie auffassen. Er htte nur eine Sache auf seiner Liste stehen, nmlich: 1. Freude 2. 3. 4. </li> <li> Folie 38 </li> <li> Was aber haben die Objektivisten noch auf ihrer Liste stehen? 1. Freudvolle Erfahrungen und speziell Freude an Groartigem (of the excellent) 2. Das Erreichen vernnftiger Lebensziele 3. Freundschafts- und Liebesbeziehungen 4. Intellektuelle und kulturelle Errungenschaften 5. Sinnvolle Arbeit 6. Sportliche Exzellenz 7. Autonomie 8. Systematischer Verstndnis der kausalen Struktur der Welt </li> <li> Folie 39 </li> <li> Arnesons Liste Dies sind die Eintrge auf Arnesons Liste. Arneson, Richard J. (2003): Liberal Neutrality on the Good: An Autopsy. In: Wall, Steven/Klosko, Gregor (Hrsg.): Perfectionism and Neutrality. Essays in Liberal Theory. Oxford u. a.: Roman &amp; Littlefield Publishers, S. 191-218. </li> <li> Folie 40 </li> <li> Fazit 1. Auch ein Subjektivist kann durchaus einrumen, dass manche Dinge gut fr jeden von uns sind und er kann dabei durchaus auf unsere menschliche Natur verweisen (z.B. auf unsere Grundbedrfnisse). </li> <li> Folie 41 </li> <li> Fazit Damit lassen sich also auch solche Theorien als subjektivistisch bezeichnen, die darauf verweisen, dass manche Dinge insofern objektiv gut fr uns sind, dass sie gut fr jeden von uns sind. Z.B. eine Reihe von instrumentell wertvollen Gtern (z.B. Nahrung). Aber was ist nicht-instrumentell gut fr jeden? Der Hedonist sagt: Freude. </li> <li> Folie 42 </li> <li> Fazit 2. Ein Objektivist meint, dass letztlich nicht nur Freude und Leid (an sich bzw. nicht- instrumentell) gut bzw. schlecht fr jeden von uns ist. Vgl. die objektiven Listen Aber wie (falls berhaupt) lassen sich deren Eintrge rechtfertigen? Um diese Frage geht es in den nchsten beiden Vorlesungen. </li> </ul>