PARKER jagt den Weißen Riesen

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    03-Jan-2017

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    Gnter Dnges

    PARKER jagt denWeien Riesen

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  • Die Klapperschlange mochte zwei-einhalb Meter lang sein. Sie lag im vor Feuchtigkeit dampfenden Unter-holz und visierte ein Beutetier an, das vllig ahnungslos nur knapp einen Meter entfernt war. Es han-delte sich um einen rattenhnlichen Nager, der an saftigen Trieben knab-berte und mit sich und der Welt zufrieden war. Es schien nur noch eine Frage von Sekunden, bis die Klapperschlange zustie und ihre Giftzhne in das Opfer schlug. Doch dann kam alles ganz anders Auch die Klapperschlange sprte deutlich die Vibration des Waldbodens, die das Nahen eines groen Tieres ankndigte. Das Beutetier nahm diese nachhaltige Erschtterung allerdings ebenfalls wahr und hpfte sicherheitshalber davon. Die Klapperschlange geriet dadurch in einen Gemtszustand, den man nur als uerst gereizt bezeichnen konnte. Sie hatte sich auf den Leckerbissen bereits gefreut, ging nun leer aus, zngelte und versuchte herauszubekommen, wer sie um die Beute gebracht hatte. Sie wollte dem Strenfried zumindest ihre Gift-zhne in den Krper jagen und somit ihren rger abreagieren.

    Wie alle Schlangen sah sie nicht besonders gut. Sie glitt nher an den Pfad heran und machte die vagen Umrisse eines Zweibeiners aus, der seltsam gekleidet war. Er trug nm-

    lich tiefschwarz und eine Kopfbede-ckung, die die Schlange als Heraus-forderung empfand. Dieses schwarze Halbrund hatte einen umlaufenden schwarzen Rand. In der rechten Hand hielt der Zweibei-ner ein schwarzes Etwas, das wie eine Liane aussah und ber einen Meter lang sein mute.

    Die Klapperschlange, ein erfahre-nes Reptil, dem man schon einige Male nachgestellt hatte, entschlo sich zu einem Klappern der horni-gen Schwanzspitze, doch dann ver-zichtete sie lieber darauf.

    Ein zweiter Zweibeiner tauchte nmlich auf, der achtungseinflend aussah. Auf dem Kopf dieser Gestalt sa ein Gegenstand, der an einen eingedrckten Krbis erinnerte. Eine Art zweigeteilter Sack hllte den Zweibeiner ein, an dessen Hand ein Beutetier baumelte, das einladend glnzte und glitzerte.

    Die Klapperschlange konnte nicht widerstehen. Sie spannte ihre nicht unbetrchtlichen Muskeln und scho vor. Sie schlug ihre Giftzhne voller Gier und Freude in den bau-melnden Gegenstand und sorgte dafr, da eine gehrige Portion Gift freigesetzt wurde.

    Sie hrte einen Aufschrei, aber sie achtete kaum darauf. Die langen Giftzhne drangen durch eine wei-che Materie und erreichten dann allerdings einen sehr harten Kern.

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  • Die Klapperschlange sprte, da der linke Giftzahn absplitterte, was sie verstndlicherweise nicht sonderlich schtzte. Dennoch hielt sie eisern fest und wartete darauf, da ihre Beute erlahmte, wie sie es schlielich nicht anders gewohnt war.

    Genau das Gegenteil war aber der Fall!

    Das Opfer geriet in wilde Schwin-gungen und wirbelte um seine Lngsachse. Die Kreisbewegungen wurden immer schneller, und die Klapperschlange wurde eindeutig luftkrank. Sie vermochte sich mit ihren Zhnen nicht lnger zu halten, mute, ob sie wollte oder nicht, die Muskeln lockern und flog dann in hohem Bogen schwungvoll durch die Luft. Benommen landete das Reptil auf dem bemoosten Ast eines Mahagonibaumes, um den sich ihr langer Leib wickelte. Dann verlor die Klapperschlange vorbergehend das Bewutsein und brigens auch noch den zweiten Giftzahn, der beim Aufschlag nach hinten kippte.

    *

    Eine ausgemachte Frechheit, sagte Lady Agatha Simpson und ver-suchte herauszufinden, wo die Schlange im Gest gelandet war. Haben Sie das mitbekommen, Mr. Parker? Ich bin von einem Reptil angefallen worden!

    In der Tat, Mylady, erwiderte

    Josuah Parker, es drfte ihm aller-dings schlecht bekommen sein, wenn der Augenschein meine bescheidene Wenigkeit nicht getro-gen hat.

    Scheulich. Die ltere Dame schttelte sich. Sie war gro, stattlich und von junonischer Flle. Sie trug ein derbes Tropenkostm, das was die Weite betraf an zwei alte, aus-gediente Jutescke erinnerte. Auf ihrem Kopf befand sich ein Hut, der eine aparte Kreuzung aus einem Sdwester und einem Napfkuchen darstellte. Die resolute Dame, die das sechzigste Lebensjahr bereits berschritten hatte, musterte ihren perlenbestickten Pompadour, dessen Halteschlaufen in ihrer Hand lagen.

    Parker trug trotz der schwl-feuchten Hitze hier im tropischen Regenwald seinen schwarzen Zwei-reiher, ein Hemd mit gestrktem Eckkragen und eine schwarze Kra-watte. Auf seinem Kopf thronte ein schwarzer Bowler, im Volksmund auch gern Melone genannt. ber dem angewinkelten linken Unter-arm hing ein korrekt gebundener Regenschirm, der kaum in diese Landschaft pate. Butler Parker, nur wenig grer als Lady Agatha, war noch schlank zu nennen. Hinsicht-lich seines Alters tappte man im dunkeln, was wohl mit seinem glat-ten und ausdruckslosen Gesicht zusammenhing. Er konnte fnfzig, er konnte aber auch durchaus sech-

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  • zig Jahre zhlen. Mylady sollten vielleicht ein

    wenig zur Seite treten, riet Josuah Parker seiner Herrin und deutete mit der Schirmspitze nach oben in den Baldachin aus Astwerk und Blttern, mich deucht, da die von Mylady erwhnte Schlange gleich zu Boden fallen wird.

    Wohin haben Sie mich ver-schleppt? Sie bewegte sich rasch zur Seite und fuhr beeindruckt zusammen, als dort, wo sie eben noch gestanden hatte, das Reptil nach unten klatschte.

    Eine Diamantklapperschlange, Mylady, klassifizierte der Butler hflich und gemessen, Mylady mgen die goldgelbgernderte Rau-tenkette beachten. Es handelt sich um ein wahrhaft beeindruckendes Exemplar seiner Gattung, wenn ich so sagen darf.

    Giftig, Mr. Parker? Sie beugte sich vor und musterte das Reptil, das eindeutig unter Zahnschmerzen litt. Es ffnete und schlo das groe Maul und schien darber hinaus sogar Trnen zu vergieen, was allerdings auch nur eine Tuschung sein mochte.

    Giftig, Mr. Parker? wiederholte die ltere Dame ihre Frage.

    In der Tat, Mylady, uerst giftig, antwortete der Butler, falls meine bescheidenen zoologischen Kenntnisse mich nicht trgen, haben Mylady es mit Crotalus adamanteus

    zu tun. Ist das alles, was Sie mir zu sagen

    haben? Sie sah ihn emprt an. Um ein Haar wre ich dieser Bestie zum Opfer gefallen.

    Der Dschungel, Mylady, birgt so seine Gefahren. Parker hielt seinen Universal-Regenschirm in der rech-ten Hand. Es zeigte sich, da er schwarze Handschuhe trug, obwohl der Wald frmlich dampfte. Mit der Spitze des Regenschirms schob er die Schlange behutsam zurck ins Unterholz. Sie war noch derart benommen, da sie es sich ohne wei-teres gefallen lie.

    Sie bertreiben ihre Rcksicht-nahme wieder mal, grollte Lady Agatha und sah ihren Butler gereizt an. Sie hoffen wohl, da das Tier mich beim nchsten Mal voll erwi-scht, wie?

    Keineswegs und mitnichten, Mylady. Parker deutete eine knappe Verbeugung an. Es handelt sich bei dieser Reaktion um Mitleid mit der unschuldigen Kreatur, wenn ich es so ausdrcken darf.

    Und wie htten Sie reagiert, wenn die Schlange mich gebissen htte?

    Dies, Mylady, wre mir beraus peinlich gewesen, erwiderte der Butler steif und gemessen. Bis zum Camp drfte es fast noch ein Kilo-meter sein.

    *

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  • Wir bekommen Besuch, sagte Mike Rander und deutete auf den Jeep, der auf der langgestreckten Lichtung erschien. Ich hatte die Hoffnung fast aufgegeben, Kathy.

    Sieht nach Polizei aus, Mike, erwiderte Kathy Porter. Die mittel-groe, schlanke Fnfundzwanzig-jhrige trug fast kniehohe, schmale Stiefel, Shorts und eine leichte Bluse. Ihr Haar war aschblond, ihr Gesicht besa einen exotischen Ausdruck, was mit der leichten Schrgstellung ihrer Augen zusammenhing.

    Mike Rander hingegen wirkte wie ein Brite aus dem Bilderbuch. Gro, schlank und braunhaarig, gab er sich ein wenig steif und zurckhaltend. Er trug einen lssig sitzenden, wahr-scheinlich sehr teuren Leinenanzug und beugte sich nach einem Alumi-niumkoffer, auf dem einige Fotoap-parate lagen. Er nahm einen davon hoch und scho dann in schneller Reihenfolge einige Aufnahmen vom Jeep und seinen Insassen.

    Hallo, grte er gleichmtig den Mann, der aus dem Wagen stieg. Wie kommen Sie denn in diese Wildnis?

    Danach mchte ich Sie fragen, lautete die Antwort des schwarzhaa-rigen Mannes. Der Dreiiger grte militrisch und zog seinen hochge-rutschten Waffenrock glatt. Er hatte nur Augen fr Kathy Porter und stellte seine Frage brigens in spani-scher Sprache. Mike Rander zuckte

    ratlos mit den Schultern. Der Herr wnscht zu wissen, was

    wir hier tun, bersetzte Kathy Por-ter.

    Sie wollen tatschlich behaupten, kein Englisch zu sprechen? Mike Rander sah den Polizeileutnant fast entgeistert an. Du hebe Zeit, wo sind wir denn?

    Sie befinden sich im Peten-Dis-trikt von Guatemala, antwortete der Polizeioffizier ironisch. Hof-fentlich haben Sie sich nicht verlau-fen, Sir?

    Es zeigte sich, da der Leutnant ein gutes Amerikanisch sprach, wenn auch mit leichtem Akzent. Er sah Kathy Porter nach wie vor faszi-niert an. Sie schien Gefallen an die-sem drahtigen Mann gefunden zu haben und lchelte mehr als nur unverbindlich.

    Ich bin Mike Rander, das dort ist Mi Porter, stellte Rander vor, woher, um alles in der Welt, wissen Sie von unserem Aufenthalt hier?

    Der Dschungel hat viele wach-same Augen, erwiderte der Polizei-offizier, und meine Regierung mchte auf keinen Fall, da Sie von den falschen Augen gemustert wer-den.

    Wenn schon, Leutnant. Mike Rander winkte lssig ab. Wir ste-hen unter dem Schutz Ihrer Maje-stt.

    Sagen Sie das dem Puma, der Sie anspringt, oder sagen Sie es auch

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  • der Giftschlange, die nach Ihnen stt, Mr. Rander! Mein Name ist Pedro Cordoba, ich bin von der Dis-triktspolizei.

    Okay, Leutnant. Und Sie sind wegen uns durch den Dschungel gekommen?

    Die Zeiten sind unsicher, Mr. Rander. Es gibt berall in Zentral-amerika Terroristen, die auf schnel-les Geld hoffen. Sie verstehen hof-fentlich.

    Kein Wort, Leutnant. Wir haben nur Travellerschecks bei uns.

    Darf ich einen Blick in Ihre Papiere werfen, Sir? Pedro Cordoba wurde dienstlich. Sie wissen hof-fentlich, da Sie sich in einer verbo-tenen Zone aufhalten?

    Was ist hier schon schtzenswert? Mike Rander deu-tete auf die grne, ein wenig dro-hende Wand des nahen Dschungels.

    Das dort, Mr. Rander. Im Gegen-satz zu Rander deutete der Polizeiof-fizier auf die Umrisse eines Maya-tempels, der von Lianen und Baum-wurzeln geradezu umklammert wurde. Er mochte ungefhr dreiig Meter hoch sein und bestand aus etwa zwlf sich nach oben hin ver-jngenden Stufen. Den krnenden Abschlu bildete eine Art Krone, die mit Fresken bersht war.

    Wann fand hier die letzte Bestandsaufnahme statt, Leutnant? erkundigte sich Mike Rander beilu-fig. Er nickte Kathy Porter zu.

    Kmmern Sie sich um den scheu-lichen Papierkrieg, wollen Sie?

    Er wandte sich ab und griff nach einem anderen Fotoapparat. Er nickte Pedro Cordoba zu und schlenderte zu dem Mayatempel hinber, um dort wieder zu fotogra-fieren.

    Kathy Porter reichte dem Leutnant eine Mappe mit Ausweisen, Papie-ren und Dokumenten. Sie lchelte ihn entschuldigend an und hob die Schultern in einer Art hilflosen Geste.

    Ein sympathischer Zeitgenosse, meinte der Leutnant ironisch.

    Er ist mein Chef, gab sie zurck. Archologe? Nein, ich sehe hier,

    er ist Anwalt. Er hat sich ein teures und seltsames Hobby ausgesucht.

    Im vergangenen Jahr waren wir in gypten, gab sie zurck. Mr. Rander arbeitet an einem Buch ber Pyramiden der alten und neuen Welt.

    Wie lange schon? fragte der Offizier ironisch.

    Seit dem vergangenen Jahr, Mr. Cordoba. Im vorvergangenen Jahr wollte Mr. Rander ein Buch ber fliegende Untertassen schreiben.

    Er scheint demnach ziemlich unabhngig zu sein, wie?

    Sehr unabhngig sogar. Sie nickte und lchelte neutral. Wenn man entsprechend geerbt hat, kann man sich vieles leisten.

    Ich ersehe aus den Papieren,

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  • Madam, da zu Ihrer Reisegruppe noch eine Lady Simpson und ein Mr. Josuah Parker gehren.

    Lady Agatha Simpson. Kathy Porter nickte. Mr. Parker ist ihr Butler.

    Ein echter Butler? Hier im Dschungel. Leutnant Pedro Cor-doba lchelte mokant. Er ist fr den Tee zustndig, nehme ich an, oder?

    Sie haben es genau getroffen, Sir. Kathy lchelte. Und ich bin die Sekretrin und Gesellschafterin der Lady Simpson, bevor Sie zu einem falschen Schlu kommen soll-ten.

    Ich verstehe, Mi Porter. Er schmunzelte. Sie wissen, da Sie sich hier auf gefhrlichem Boden befinden?

    Sie haben eben von Terroristen gesprochen.

    Genau die meine ich, Mi Porter. Sie stecken in den Regenwldern und sind kaum zu erwischen. Wer-den Sie noch lange bleiben?

    Ich wei es wirklich nicht, Leut-nant. Sie hob bedauernd die Schul-tern. Ich werde nie gefragt, sondern nur vor vollendete Tatsachen gestellt.

    Sie wohnen in Tikalodos, Mi Porter?

    Hoffentlich nicht mehr lange, erwiderte sie und lachte jetzt. Besonders anregend ist der kleine Ort ganz sicher nicht.

    Vielleicht sieht man sich dort?

    Der Leutnant zeigte seine blendend weien Zhne und bemhte seinen Charme. Wenn ich zu bestimmen htte, mten Sie dort fr immer wohnen.

    Gut, da Sie nicht bestimmen knnen, Leutnant. Sie deutete auf die nahe Wand des Dschungels. Ist es dort wirklich gefhrlich?

    Bleiben Sie mglichst hier auf der Lichtung, Mi Porter, warnte er sie.

    Mr. Rander will morgen nach weiteren Tempeln suchen. Es sollen noch viele unentdeckt sein.

    Mssen Sie ihn dabei unbedingt begleiten?

    Ich glaube schon, da er darauf bestehen wird.

    Und wo sind die beiden anderen Personen?

    Drben im Dschungel, gab sie zurck, aber sie mten schon lngst wieder zurck sein, Leut-nant.

    Mr. Rander scheint das keine Sor-gen zu bereiten. Er deutete auf Mike Rander, der unentwegt foto-grafierte.

    Er macht sich nur Sorgen um sich, gab sie ein wenig abfllig zurck. Ein kleiner Schock knnte ihm wirklich nicht schaden.

    So etwas kann schneller kommen, als man denkt, antwortete Cordoba und lachte leise. Der Dschungel hat viele Augen und ist erbarmungslos. Wenn Sie erlauben, werde ich mich ab sofort ein wenig um Sie km-

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  • mern. Ich mchte nmlich nicht Er brachte seinen Satz nicht zu

    Ende, denn genau in diesem Augen-blick peitschten einige Schsse auf. Im Drehbuch zu einem Abenteuer-film htte der Zeitpunkt nicht tref-fender und dramatischer ausfallen knnen.

    *

    Pedro Cordoba hechtete auf Kathy Porter, ri sie an sich und ging mit ihr zu Boden.

    Dicht ber ihre Kpfe hinweg pfif-fen ein paar Geschosse und landeten klatschend in den sten einiger Bume. Die beiden uniformierten Polizisten, die bisher im Jeep zurckgeblieben waren, flankten aus dem offenen Wagen und suchten Schutz hinter der Karosserie.

    Mike Rander, der Anwalt aus Lon-don, verschwand hinter einer etwa zweieinhalb Meter hohen Stein-Stele, ohne sich dabei allerdings son-derlich zu beeilen. Er beobachtete die kleinen Erd- und Staubfontnen, die aus dem Boden stiegen. Dort schlugen Geschosse ein, die nicht gerade zielsicher abgefeuert wur-den. Mike Rander zndete sich eine Zigarette an und beobachtete den Polizeileutnant, der sich ausgiebig um Kathy Porter kmmerte und einen zweiten Aluminiumkoffer auf den ersten schob, um noch besser geschtzt zu sein.

    Die beiden uniformierten Beamten schossen inzwischen zurck. Einer von ihnen besa eine Maschinenpis-tole und vergeudete damit seine Munition. Mi...