Programmheft Miss liberty

  • Published on
    04-Aug-2016

  • View
    212

  • Download
    0

Embed Size (px)

DESCRIPTION

 

Transcript

  • Sonntag, 3. Juli, 11 UhrSchloss Eggenberg

    Miss Liberty

    Igor Strawinski (18821971)Suite aus LHistoire du soldat (Die Geschichte vom Soldaten)

    fr Klarinette, Violine und Klavier Marche du Soldat (Marsch des Soldaten)Le Violon du Soldat (Die Geige des Soldaten)Petit Concert (Kleines Konzert)Tango-Valse-Rag (Tango-Walzer-Rag)La Danse du Diable (Teufelstanz)

    Leonard Bernstein (19181990)Sonate fr Klarinette und Klavier

    Grazioso. Un poco pi mossoAndantino. Vivace e leggiero

    George Gershwin (18981937)Three Preludes fr Violine und Klavier

    Allegro ben ritmato e deciso Andante con moto e poco rubato Allegro ben ritmato e deciso

  • Alexander von Zemlinsky (18711942) Fantasien ber Gedichte von Richard Dehmel, op. 9

    (arrangiert von James Breed)Stimme des AbendsWaldseligkeit

    Maurice Ravel (18751937)Sonate fr Violine und Klavier

    AllegrettoBluesPerpetuum mobile

    Bla Bartk (18811945) Contrasts

    fr Violine, Klarinette und KlavierVerbunkos (Werbertanz): Moderato, ben ritmatoPiheno (Entspannung): LentoSebes (Schneller Tanz): Allegro vivace

    Daniel Ottensamer, KlarinetteChouchane Siranossian, ViolineChristoph Traxler, Klavier

    Konzertdauer: Erster Konzertteil: ca. 45 MinutenPause: ca. 25 MinutenZweiter Konzertteil: ca. 45 Minuten

    Radio: Sonntag, 7. August, 19.30 Uhr, 1

  • Miss Liberty

    Miss Liberty war das erste Bauwerk,

    das sie im Hafen von New York er-

    blickten, nach der mhsamen berfahrt

    ber den Atlantik: die Ukrainer Samuel

    Bernstein und Moishe Gershowitz, Roza

    Bruskina aus Wilna, der Russe Igor

    Strawinski und der Ungar Bel Bartk.

    Sie alle suchten Schutz im Schatten

    jener Kolossalstatue, die mit ihrem aus-

    gestreckten Arm die Flamme der Freiheit

    hochhlt.

  • Igor Strawinski und Miss Liberty

    Als Igor Strawinski Anfang 1925 zum ersten Mal Miss Liberty sah, wurde er an den Kais von New York schon sehnschtig erwartet: Der berhmte Russe, der inzwischen in Frankreich lebte, galt den Amerikanern als Celebrity. Prompt konstatierte er an seinen Gastgebern eine ausge-sprochene Schwche fr Berhmtheiten, womit er vorzugs-weise sich selbst meinte, und stellte etwas gnnerhaft fest, er habe auch eine echte Liebe zur Musik gefunden, was er wohl von den Business Men des Financial District nicht erwartet hatte. Denen prsentierte sich Strawinski wie stets in perfektem Outfit. Sein Landsmann Nathan Milstein sag-te ihm nach, sich mehr fr seine Hemden und Krawatten zu begeistern als fr seine Musik.

    Die Liebe der Amerikaner sollte den Komponisten 1939 erneut mit offenen Armen umfangen, als er wieder einmal vor einem Weltkrieg floh sein zweites Exil nach den Schweizer Jahren whrend des Ersten Weltkriegs. Zunchst blieb Strawinski im Nordosten, um an der Harvard University zu unterrich-ten. Spter zog es ihn ins warme Kalifornien, wo sein Haus in Beverly Hills bald zum Treffpunkt fr gestrandete Fran-zosen wurde durchwegs Berhmtheiten natrlich. Unge-trbt blieb sein Verhltnis zur amerikanischen Wahlheimat dennoch nicht: Erst am 28. Dezember 1945 erhielt er die amerikanische Staatsbrgerschaft. Ein Zwischenfall in Bos-ton htte dies beinahe noch verhindert: Im Januar 1944 fhrte er mit dem Boston Symphony Orchestra ein eigenes Arrangement der amerikanischen Nationalhymne auf, die er aus diesem Anlass neu harmonisierte. Die schrgen Akkorde brachten ihm eine Verwarnung durch die Bostoner Polizei

  • ein, die behauptete, jede Vernderung der Nationalhymne sei strafbar (was brigens nicht stimmte).

    Unsere Interpreten haben sich nicht fr Werke aus Stra-winskis amerikanischem Exil entschieden, sondern fr zwei Stcke, die er whrend seines Schweizer Exils 1918/19 kom-ponierte. Als er mit seiner Frau und den drei Kindern vor der Kriegsgefahr 1914 nach Lausanne floh, fand er dort Mzeninnen wie Coco Chanel oder die Prinzessin Edmond de Polignac vor, eine Tochter des Nhmaschinen-Magnaten Singer. Auch Werner Reinhart aus Winterthur zhlte bald zu seinen Bewunderern. Er finanzierte Die Geschichte vom Soldaten, wofr sich Strawinski mit Drei Stcken fr Klarinette bedankte.

    Geschichte vom SoldatenIm Herbst 1915 schloss Strawinski in den Weinbergen ber Lausanne, bei weiem Rauscher, Brot und Kse mit einem Urgestein der Schweizerischen Volksdichtung Freundschaft: Charles Ferdinand Ramuz. 1878 in der Nhe von Lausanne geboren, wurde der Dichter durch seinen alternativen Lebensstil wie durch seine kernigen Bcher ber die waadt-lndischen Alpenbauern bekannt (Das groe Grauen, Der Bergsturz). Was er zusammen mit Strawinski ausheckte, war freilich aus anderem Stoff gewoben: In drei kleinen Musiktheaterstcken erprobten die beiden zwischen 1915 und 1918 die Mglichkeiten eines scheinbar naiven Volks-theaters. Es waren Renard (Reinecke Fuchs), Les noces (Die Bauernhochzeit) und Lhistoire du Soldat (Die Ge-schichte vom Soldaten).

    Die Urauffhrung der Letzteren fiel quasi mit dem Kriegs-ende zusammen: Ernest Ansermet dirigierte das kleine Stck zum ersten Mal im September 1918 im Theater von Lausan-ne, und jeder im Publikum sprte, wie nahe diese Geschich-

  • te eines heimkehrenden Soldaten am Puls der Zeit war. Wohlweislich hatten Ramuz und Strawinski das Werk mit mglichst geringen Mitteln fr eine Wanderbhne kon-zipiert, die man leicht von Ort zu Ort schaffen und auch in ganz kleinen Lokalen vorfhren kann. Auf diese Weise machte die Geschichte vom Soldaten ab 1919 rasch Welt-karriere. Den Stoff hatte Strawinski einer Sammlung altrus-sischer Moritaten entnommen: den verhngnisvollen Pakt zwischen einem armen Soldaten und dem Teufel. Dabei steht die Geige im Mittelpunkt als Stimme des Soldaten und als Symbol fr seine Seele, die er an den Teufel verkauft.

    Kleine Suite (1919)

    Da auch der Klarinette im Originalstck bedeutende Auf-gaben zufallen, kam Strawinski schon 1919 auf die Idee, aus den schnsten Musikstcken der Histoire eine Kleine Suite fr Violine, Klarinette und Klavier zusammenzustel-len, die in Lausanne uraufgefhrt wurde. Sie wirkt wie ein Trailer des gesamten Stcks im Zeitraffer.

    Zu Beginn sieht man den Soldaten mit seiner Geige von der Front zurckkehren (Marsch des Soldaten). Trotzig, mit dem Mut der Verzweiflung und fast peinigend lauten Klarinet-tentnen so klingt sein Marsch. Im zweiten Satz darf der Soldat auf seiner Geige brillieren, in rustikalen Doppelgriffen und russischen Rhythmen (Die Geige des Soldaten). Pltzlich trifft er auf den Teufel, der ihm in verfhrerisch schillernden Klngen einen Tausch vorschlgt: die Geige gegen ein Zau-berbuch, das den armen Schlucker reich machen soll. Der Soldat schlgt ein und geniet seinen Reichtum. Zu spt erkennt er, dass Reichtum nur einsam macht und dass er mit der Geige zugleich seine Seele an den Teufel verkauft hat. Er versucht, seine Geige einem alten Teufelsweib zu entreien, was Strawinski im Kleinen Konzert dargestellt hat. Doch

  • als er sie wieder in Hnden hlt, gibt sie keinen Ton mehr von sich. Er wirft sie weg und zerreit das Zauberbuch, ein armer Teufel, verraten und verkauft (Lindlar). In der nchs-ten Szene findet man den Soldaten am Knigshof, wo er durch sein Spiel die kranke Prinzessin heilt und als Ehefrau fr sich gewinnt. Zum Tanz der Prinzessin schrieb Strawins-ki drei Modetnze der Zeit in fast verzerrter Verfremdung: Tango-Valse-Rag. Durch das Glck des Soldaten und der Prinzessin scheint der Fluch des Teufels endlich gebannt, bis der Soldat eines Tages zufllig die Grenzlinie des Paktes bertritt. Nun treibt ihn der Teufel unbarmherzig fiedelnd direkt in die Hlle. Dieser Teufelstanz ist das diabolische Finale der Suite, eine orgiastische Zusammenballung von Rhythmen und Klngen, in denen sich schon Bla Bartks New Yorker Contrasts von 1939 ankndigen.

    Louis alias Leonard Bernstein

    1910 erblickte ein junger Ukrainer namens Samuel Joseph Bernstein vom Schiff aus zum ersten Mal die Freiheitsstatue. Wie so viele Juden im weiten Zarenreich hatte er sich aus Furcht vor russischen Pogromen auf den weiten Weg in die Neue Welt gemacht. In Lawrence, Massachusetts, erffnete Sam Bernstein einen gut gehenden Laden fr Friseurzubehr (das Haus steht noch heute). Und obwohl er nicht begeistert war, dass sein Sohn Louis Musiker werden wollte, nahm er ihn mit in Orches-terkonzerte und bezahlte ihm den Unterricht auf einem Klavier, das ein Cousin nicht hatte haben wollen. Den Vornamen Louis mochten beide Eltern nicht und begannen, den jungen Musiker der Familie Leonard zu nennen oder Lennie.

    So unscheinbar, fast provinziell fing sie an, die Weltkarriere von Leonard Bernstein, dem spteren Harvard-Studenten und Dirigierschler von Sergei Kussewizki. Dank seines groen Lehrers, der ein Freund von Bartk war, konnte er

  • im New York der Vierzigerjahre dem ungarischen Kompo-nisten begegnen wie so vielen anderen Exilmusikern, die unter der Flamme der Freiheitsstatue Schutz suchten. Dazu gehrte auch Lennies Kontrapunktlehrer am Curtis Institu-te in Philadelphia, der Wiener Richard Sthr (18741967). Die Nazis hatten den Robert-Fuchs-Schler nach dem Anschluss 1938 aus der Wiener Musikakademie hinausgeschmissen. Die USA nahmen Sthr auf, wo er eine ganze Generation junger Amerikaner in Enkelschler des Steirers Robert Fuchs verwandelte, darunter auch Leonard Bernstein.

    Ein anderer prominenter Exil-Musiker war indirekt fr den Blitzstart von Lennies Karriere verantwortlich: Bruno Walter. Als der Altmeister im November 1943 wegen Grippe ein Konzert am Pult des New York Philharmonic Orchestra kurzfristig absagen musste, sprang Bernstein ein. Ohne jede Probe dirigierte er ein so bravourses Schumann-Wagner- Strauss-Programm, dass die New York Times die Meldung am nchsten Tag auf der Titelseite brachte: Das ist eine gute amerikanische Erfolgsgeschichte. Der warme, freundliche Triumph fllte die Carnegie Hall und wurde ber Radiowel-l