Venedig in Not? mose hilft!

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    31-Mar-2016

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Venedig in Not? Mose hilft!

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  • vom 17.09.2011

    Um ihrer einzigartige Lagunezu erhalten, arbeiten die Venezianerinzwischen mit Hochdruck an einerSchutzbarriere.

    Lange Zeit wegen seiner giganti-schen Gre, Kosten und befrchte-ten Umweltschden umstritten, hof-fen die Bewohner der Lagune nun,dass Mose sie vor den Fluten derAdria retten wird. Was nach der bibli-schen Geschichte des Propheten Mo-ses klingt, der das rote Meer teilte, umdas jdische Volk sicher aus gyptenzu fhren, steht in Venedig fr Mo-dulo Sperimentale Elettromeccani-co. Insgesamt arbeiten etwa 3600Menschen fast rund um die Uhr andem mobilen Damm. Techniker se-hen darin das grte Projekt moder-ner Wasseringenieurskunst unddas nicht nur wegen der veranschlag-ten Kosten von rund 4,6 MilliardenEuro.

    Ein guter Teil davon wird an der Ha-feneinfahrt des Lido verbaut. Nachgut 20 Minuten Fahrt mit dem Was-sertaxi blickt Elena Zambardi auf Bau-krne und Bagger. Sie zieht sich einegelbe Warnweste ber und verteiltSchutzhelme. Ihr Chauffeur legt freinen Moment sein Handy beiseite,nimmt Zambardi an der Hand undhilft ihr aus dem wankenden Boot.Maschinenlrm mischt sich mit dem Klang branden-der Wellen. Vom Meer weht ein heier Wind her-ber, der den Staub auf dem Weg zu einer Aussichts-plattform krftig aufwirbelt.

    In einem Becken viele Meter weit unter dieserPlattform wchst das Herzstck des Hochwasser-schutzes. Dort liegen gewaltige Stahlbetonquaderaufgereiht: jeder von der Gre eines mehrstckigenHauses mit Platz fr 200 Menschen. Bald werden dieFundamente des Dammes mit Spezialkrnen und perGPS-Navigation millimetergenau im Meer versenkt.Nur einen Steinwurf entfernt, sagt Zambardi undzeigt auf die Hafeneinfahrt.

    Die Lagune von Venedigist voller Schtze.

    Etwa 800 Meter war die noch bis vor einigerZeit breit. Inzwischen teilt eine knstlich geschaffeneInsel die Einfahrt in zwei Teile, um den Wellen weni-ger Angriffsflche zu bieten. Elena Zambardi geht ei-nige Schritte weiter und bleibt dann vor einer Schau-tafel stehen. Das Schutzsystemwirkt auf den ersten Blick ganz ein-fach: Es ist eine Kette aus Barriere-toren, die von einem Ufer der Ha-feneinfahrt bis zum anderenreicht.

    Auf den Quadern installierendie Ingenieure ab kommendemJahr insgesamt 78 dieser Tore.ber Scharniere sind die bis zu 28Meter hohen, fnf Meter dickenund 20 Meter breiten Metall-schleusen mit den Fundamentenverbunden.

    Fast das ganze Jahr ber sollendie im Inneren hohlen Schleusen-tore mit Wasser gefllt am Meeres-boden liegen und weder den frdas kosystem wichtigen Wasser-austausch noch den fr Wirtschaftund Tourismus wichtigen Schiffs-verkehr zwischen Lagune undAdria behindern. Naht aber eine

    Flutwelle, pressen die Ingenieure Druckluft ins Inne-re der Schleusen, um das Wasser zu verdrngen, dassie am Meeresgrund hlt.

    Whrend das Wasser entweicht, steigen dieSchleusentore auf, bis sie ber die Wasseroberflcheherausragen und die Lagune abschotten. Nach etwafnf bis sechs Stunden ebben die Fluten normalerwei-se ab, sagt Zambardi. Dann werden die Schleusenwieder mit Wasser gefllt und sinken in ihren Sitz amMeeresgrund zurck.

    Die Mose-Mitarbeiterin rckt ihren Helm zurecht,wischt sich den Schwei von der Stirn und lchelt tap-fer in der Mittagshitze. Wenn alles nach Plan luft,wird das System in etwa drei Jahren einsatzfhig sein dann wird Mose Venedig das berleben sichern.Zehntausende Einwohner der Lagune knnten dannruhiger schlafen und mehr als 20 Millionen Touristenauch knftig Jahr fr Jahr in Venedig das Weltkulturer-be bestaunen, was den lokalen Geschftsleuten wie-derum jhrlich 1,5 Milliarden Euro Einnahmen ein-bringt. Was der italienische Staat zur Aufgabe natio-naler Dringlichkeit erklrt hat, dient also auch dazu,mit der meistbesuchten Stadt Europas eine echteGoldgrube zu sichern.

    Schon heute ist das Mose-Projekt zu zwei Dritteln fertig-gestellt. Die Schleusen sind da-bei nur der aufflligste Teil,sagt Zambardi. Inzwischen ha-ben die Venezianer auch 45 Ki-lometer Strand- und Dnen-landschaften sowie 14 Quadrat-kilometer Moor- und Wattfl-chen renaturiert. Das dient ne-ben dem Hochwasserschutzauch der Tierwelt: Denn dortfinden Enten, Reiher, Stelzen-lufer und Austernfischer ihreBrutpltze.

    Um den Erhalt der reichenUnterwasserwelt kmmernsich im Auftrag des Mose-Kon-sortiums zahlreiche Subunter-nehmen wie etwa C.A.M Idro-grafica, eine Firma, die sich aufdas Kartographieren der Lagu-ne, das Heben archologischer

    Funde und den Schutz der Fischbestnde spezialisierthat.

    Omar Salmasi (37) ist einer der Forscher im C.A.M-Team. Mit seiner groen Sonnenbrille, dem weit ge-ffneten Hemd, kurzen Hosen und ausgefranstenSportschuhen sieht der gelernte Unterwasserarcho-loge heute zwar eher so aus, als sei er an einem freienTag auf dem Weg zum Lido-Strand. Aber das tuscht.

    Mit seinem Team fhrt Salmasi gleich hinaus aufSee. Aktuell sind sie dabei aber nicht auf der Suche

    nach antiken Schiffswracks, sondern versenken ei-gens fr den Fischnachwuchs entwickelte Betonqua-der. Ganz rau fhlt sich deren graue Oberflche an.Das ist die ideale Kinderstube fr Fische, sagt Sal-masi und sein Kollege, der Biologe Eugenio Beccor-nia, ergnzt: Sie wirken unscheinbar, aber darin ste-cken sechs Jahre Forschungsarbeit Material undGre der Quader sind jetzt perfekt.

    Ihr Schiff, die Ecostar Venezia, ist randvoll ge-packt mit den Blcken. Fr heute steht im Auftrags-buch: 60 Stck auf einer Flche von 20 Quadratme-tern abzusetzen. Was nach einem leichten Sommer-job klingt, ist wegen der heftigen Strmungen vor derKste eine schwere Aufgabe, die vier Mnner einenganzen Tag lang beschftigen wird. Wir drfen dieQuader ja nicht einfach so ins Meer werfen sie sol-len zentimetergenau auf den Grund gesetzt wer-den, sagt Salmasi. Gelingt das, so habe der Fisch-laich gute Chancen, sich zu entwickeln.

    Am spten Nachmittag, als alle Blcke versenktsind, zieht sich Omar Salmasi einen Neoprenanzugber. Er hat das schon Tausende Male gemacht undimmer noch freut er sich auf das, was ihn in der Tiefeerwartet. Heute soll er dabei nur einige Fotos ma-chen, Beweise der geleisteten Arbeit. Die Kollegenschauen zu, als er vom Schiffrand drei Meter ins tr-kisblaue Meer springt, das Wasser spritzt und gur-gelt. Die Tierwelt da unten ist ein groer Schatz,den wir schtzen mssen, sagt Salmasi spter bei ei-ner Tasse Kaffee in der Kajte. Aber so richtig insSchwrmen kommt der Archologe erst, als er berseine eigentliche Leidenschaft spricht: die Suchenach kostbaren Kulturgtern.

    Die Lagune von Venedig ist voller Schtze undmit Mose ist zum ersten Mal auch Geld herangespltworden, um diese zu heben. Zahlreiche Schiffs-wracks haben sie schon gefunden, darunter die Ga-

    lea di Boccalama, eine Galeere ausdem 14. Jahrhundert, das einzigenoch erhaltene Stck weltweit. Eineechte Sensation war das, ruft Salma-si, der als Student dabei war, als siedas Wrack bargen und als erstmals einForscherteam Gelegenheit hatte, ei-ne solche Galeere wissenschaftlich zuuntersuchen.

    Inzwischen haben die Archologenein halbes Dutzend Schiffswracks ausverschiedenen Zeitepochen ent-deckt, mit Amphoren an Bord, Kera-miken, Baumaterialien, Mnzen,Zinntellern, Lanzen und Kanonen.Die Ladungen geben uns ganz neueErkenntnisse ber die Handelskon-takte der alten Venezianer, sagtChefarchologe Marco DAgostinoam Abend im Palazzo Morosini, demSitz des Mose-Konsortiums am Cam-po Santo Stefano in Venedig.

    Der Professor kommt gerade zu-rck von einer Ausgrabungsstttehinter dem Lazzareto Nuovo. Was siedort in letzter Zeit aus dem Wasser ge-holt haben, macht ihn ganz eupho-risch. Vielleicht mssen wir die Ge-schichte Venedigs umschreiben,sagt er, lacht und klatscht in die Hn-de. Der Professor meint es durchausernst. Bislang sind viele Historiker da-von ausgegangen, dass die Venezia-

    ner zu Herrschaftszeiten Karls des Groen um 810 ei-ne Siedlung am rivus altus, dem hohen Ufer, grn-deten, aus der spter Venedig erwuchs. Wir habenjetzt aber rmische Straendmme entdeckt, verrtDAgostino. In den Dmmen lagern Amphoren, die2000 Jahre alt sind.

    Ob die Funde fr die ganz groe Sensation reichen,werde sich in den kommenden Monaten zeigen,meint der Archologe. Und ob all die anderen Schtzevom Meeresboden einmal den Weg in ein Museum

    finden, sei auch noch vllig offen. Bislang gibt es lei-der keine Plne, sagt DAgostino zum Abschied. Dasvorherrschende Urteil sei, dass Venedig so etwasnicht auch noch brauche, um Touristen anzuziehen.

    Omar Salmasi hofft, dass eines Tages all die Kost-barkeiten, die sie in der Lagune gefunden haben,doch den Besuchern Venedigs prsentiert werden.Diese Kulturgter geben uns doch auch ganz neueEinblicke in unsere Geschichte, sagt der Archologean Bord eines Wasserbusses, der langsam am Markus-platz vorberfhrt.

    Dort drben trinken die Touristen inzwischenAperol Spritz, auf dem Canal Grande verzcken Gon-dolieri ihre Gste mit ihren Liedern und die Abend-sonne taucht die ganze Szenerie in ein dunstig matt-goldenes Licht. Salmasi betrachtet das alles wie einzauberhaftes Theaterstck. Er sieht froh aus und mor-gen frh schon, zur besten Cappuccino-Zeit, wird erauf dem Weg zur Arbeit die nchste Vorstellung be-kommen.

    Fr das se Leben auf der Piazza San Marcohat Elena Zambardi keinen Blick brig.Nicht jetzt. Weder fr die Besucher der Kaf-feehausterrassen, die im prallen Sonnen-licht ihren Cappuccino genieen, noch fr die Kin-der, die hinter auffliegenden Tauben herjagen, undauch nicht fr die Touristen in Shorts und Bermudas,die sich gegenseitig fotografieren vor dem Dogenpa-last, dem Campanile oder dem geflgelten Lwen aufder Sule am Canal Grande. Dabei hat Zambardidurchaus etwas brig fr den lebendigen Zauber aufVenedigs berhmtestem Platz, und sie hofft, dass ernoch sehr lange wirken wird. Die kleine, zierlicheFrau arbeitet als Sprecherin fr das Consorzio Vene-zia Nuova, das mchtigste Unternehmen der ganzenGegend, das im Auftrag des Staats versucht, die 550Quadratkilometer groe Lagune mit ihren mehr als50 Inseln dauerh