Vilfredo Pareto, seine Bedeutung für die österreichische Schule

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    09-Aug-2016

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<ul><li><p>Vilfredo Pareto, seine Bedeutung fiir die 8sterreiehische Sehule </p><p>Von </p><p>G. H. Bousquet </p><p>Aufgabe der folgenden Ausffihrungen ist es, naeh einigen biographi- sdaen Bemerkungen zu untersuchen, welches theoretische Interesse das Werk V. Paretos ffir die 5sterreichische Schule bietet. </p><p>Marquis Vilfredo Pareto wurde im Jahre 1848 als Nachkomme einer alten Genueser Patrizierfamilie in Paris geboren. Sein Vater war seiner republikanischen Gesinnung wegen ausgewandert, kehrte abet sp~ter, nach dem Erla6 einer Amnestie, wieder nach Italieu zurfick. Seine Mutter war FranzSsin. </p><p>Pareto studierte an der Technischen Hochschule zu Turin, die er 1870 verliel], nachdem er eine Arbeit fiber das Gleichgewicht elastischer KSrper geschrieben hatte. Zwanzig Jahre hindurch war er als Ingenieur bei den Eisenbahnen und in der Metallindustrie t~tig. Als Mitglied der ,,Aceademia dei Georgofili" machte er sich durch seine eifrige Vertei- digung des Freihandels und seine Angriffe gegen die militaristische und schutzzSllnerische Politik der Regierung bemerkbar. </p><p>W~hrend dieser Zeit ffihlte er sich yon der reinen Wissensehaft immer mehr angezogen, als er -- dank Walras , dem Paretos Aufs~tze fiber seine eigenen Theorien aufgefalleu waren -- als Nachfolger Wal ras ' nach Lausanne berufen wurde. </p><p>I893 liel~ er sich dauernd in der Schweiz nieder und war bald voll- st~ndig mit der Ausarbeitung seines Werkes beschKftigt. 1896/97 erseheint sein ,,Cours d'Economie Politique", 1902 seine ,,Syst~mes socialistes", 1909 das ,Manuel d'Economie Politique" und endlida 1917 bis 1919 ,Trait~ de Sociologie G$n~rale". Seit 1909 hatte er sieh vonder Lehr- t~itigkeit zuriickgezogen. Wiihrend des Krieges bewahrte Pareto den Ereignissen gegenfiber eine kiihle, wissenschaftliche Halmng, indem er sida beschied, die Tatsachen zu beobaehten, im Gegensatz zu den Gelehrten der kriegfiihrenden Lgnder, die fast alle vergaBen, dab der Patriotismus und die Wissensehaft nichts miteinander gemein haben. Wegen dieser Haltung wurde er in Italien heftig getadelt. Nach dem Kriege dagegen erfreute er sich eines grol3en Erfolges, denn man hatte -- fglschlieh -- geglaubt, in ihm den Theoretiker des Faschismus sehen zu kSnnen. Pareto blieb auch diesem Erfolg gegenfiber gleichgiiltig, denn der Enthusiasmus von seiten eines Publikums, das ihn sicherlich weder </p></li><li><p>358 G.H. Bousquet: </p><p>gelesen noch verstanden hatte, war nicht das, was er suchte. Man fiihlt sich hier an die Worte erinnert: ,,Wer wird nicht einen Klopstock loben . . . " </p><p>Er starb ziemlich plStzlich im Alter -con 75 Jahren, am 18. August 1923, in seiner ,,Villa Angora" in Celigny in der N~ihe yon Genf. </p><p>I, </p><p>Die wirtschaftliche Theorie Paretos beruht vollstndig auf der Walras ' , d.h. auf der Theorie des Gleichgewichtes. Man weft], dal3 die Mathematik in der Wirtschaftstheorie in zweierlei Weise angewendet werden kann: entweder ffir die LSsung yon Einzelproblemen, wie bei Marsha l l und Edgeworth , oder um eine allgemeine Idee vonder Gesamtheit der wirtschaftlichen Erscheinungen zu geben. Mit Ausnahme seiner ersten Aufs~itze im ,,Giornale degli Eeonomisti" ist Pareto wie Wal ras stets der zweiten Methode gefolgt. Und er hat auf diesem Ge- biete so viele Fortschritte gemacht, dab Wal ras ' Werk, das unentbehrlich ist, um seines zu verstehen, dennoch neben dem seinen fast v611ig ver- schwindet und nur die Grundlage abgibt, auI der Pareto ein stolzes Geb~ude errichtet hat. </p><p>Von allen Fortschritten, die die Theorie durch ihn gemacht hat, err w~ihnen wit nut einige. Im Gegensatz zu Walras , der wesentlich prak- tische Ziele vor Augen hatte, weist Pareto alle praktischen Untersuchun- gen zurfick; ffir ihn war die 5konomisehe Theorie ein Ziel fiir sich selbst, und deshalb wollte er die (}konomie etwa wie die Physik betreiben. In seiner Darlegung des Gleichgewichtes hat er es verstanden, zu einer noch besseren Synthese zu gelangen als Walras , indem er zeigt, dab das Gleichgewicht resultiert aus dem Gegensatz der Bediiffuisse (gofits) and der Widerstnde (obstacles) sie zu befriedigen. Auf diese Weise hat er versucht, die reine Okonomie der rationellen Mechanik zu nhern, was ihm seine grol3e mathematische Begabung gestattete, die der Wal ras ' weit fibertegen war. </p><p>Hatte Wal ras nur den freien Tausch behandett, so dehnte Pareto die Theorie des Gleichgewichtes auch auf das Monopol und den Kollek- tivismus aus. Das ist aul3erordentlich bedeutsam, denn wenn die Theorie des Monopols uns der Wirklichkeit mit ihren Kartellen, Trusts und Staatsunternehmungen nher bringt, fiihrt uns der Kollektivismus in ein rein ideales Feld. Die Ahnlichkeit der mathematischen ('Jkonomie mit der Geometrie - -der euklidischen wie der nichteuklidischen -- ist bemerkens- welt, und wir glauben, da~ diese Studien einen Erkennmiswert haben, der weit fiber den Bereidl der politischen ()konomie hinausgeht. </p><p>Ein sehr wesentlicher Einwand, der gegenfiber der 5sterreiehischen Schule und der Theorie des Gleichgewichtes gemacht wurde, ist, dal~ der Nutzen (die Ophelimiti~t) keine mei3bare GrSi3e sei. Pareto zerbricht diese Waffe in den H~inden seiner Gegner. Er bedient sich einer Idee Edgeworth ' , indem er mit Hilfe dessen Theorie der Indifferenzkurven zeigt, dab die Annahme der Ophelimit~t iiberflfissig ist und die Theorie ihrer entbehren kann. Dabei bleibt sie abet eine bequeme Hypothese. </p><p>Die Bedeutung dieser Entdeckung erscheint uns selbst flit die 5ster- rcichische Schule sehr grol3: 1. die Umw~lzung, die sich hier vollzieht, </p></li><li><p>Vilfredo Pareto, seine Bedeutung fiir die 5sterreichische Schule 359 </p><p>erinnert ganz an die der Mechanik 1, die, an Stelle die Kr~fte zu betrachten, heute bestrebt ist, nnr die Bewegungen und Beschleunigungen zu beob- achten~ was uns auf einen vollst~ndig objektiven Boden fiihrt; 2. Pareto hat dadurch ferner gezeigt, daB es nicht l~nger nStig ist, den Grund der Handlungen des ,homo oeeonomicus" festzustellen, mit anderen Worten: dab die Theorie sich ebenso gut auf den Fall der Askese oder des Altruis- runs wie auf den Fall des Egoismus bezieht. </p><p>Bereits aus diesen wenigen Beispielen sieht man, wie reich das Werk Paretos an neuen Gedanken ist, und es scheint, dab die 5sterreichische S(.hule hieraus den grSBten Nutzen ziehen kSnnte. </p><p>II. </p><p>Fiir sp~tere Theoretiker wird es einmat erstaunlich sein, sehen zu miissen, wie diese beiden Schulen, obwohl einigermaBen angen~ihert, die eine in bezng auf die andere eine geringschiitzige, man kann sogar sagen feindliche Haltung eingenommen hat 2. </p><p>So hat auf der einen Seite Pal"eto betont, dab sein Werk yon der 5sterreichischen Schule getrennt werden miisse. Im ,,Manuel" bezieht er sich mit Nachdruck auf diese Angelegenheit und in der ,Soeiologie" ( 87, Anm. 2) greift er Gide heftig an, well dieser ihn unter die Hedo- nisten eingereiht hat. Ohne sich um die positiven Ergebnisse der 5ster- reichischen Schule zu kiimmern, hat er stets seine Anspriiche auf persSn- liche Originalitiit -- und das ganz mit Recht - geltend gemacht; mehr noch er hat sich stets so geEuBert, als ob seine Theorie infolge ihrer speziellen Form yon den iisterreichischen Theorien vollst~ndig, gEnzlich getrennt w~re -- was uns als nicht zutreffend erscheint. </p><p>Abet anderseits liegt die Schuld nicht nur bei Pareto , denn man trifft im anderen Lager Urteile, die vielleicht nicht ganz gerechtfertigt sind. Pareto besch~iftigt sich nicht mit der 5sterreichischen Schnle, das ist fiir ihn ,,autre chose". Die 5sterreichische Schule aber betrachtet die mathematische als einen ziemlich unwichtigen Anhang zu ihren eigenen Theorien. Das wiirde aussehen, als ob an dem ungeheuren Baum, der aus der Saat Gossens entsprungen ist, die mathematische Schule nut ein bedeutungsloser, sogar toter Zweig sei. Man versteht nicht, wie ein Autor wie Prof. S chump e t e r im GrundriB der Sozialiikonomik (S. 110) eine derartige Haltung einnehmen kann. Mehr noch: im gleichen Bande des Grnndrisses (S. 139) finden wir folgende Behauptung Professor yon Wiesers : </p><p>,,Die Formeln der hiiheren Mathematik . . . erschweren fiir die Masse der Leser das Verst~ndnis und sie bringen keinen Vorteil, der betr~iehtlieh genug </p><p>1 Ygl. Appel l : Tratt~ de M6canique Rat. 3e Ed. I. p. 84--85. Ebenso wird der Einwand Wiesers hinf~llig. (GrundriB der SozialSkonomik.) Wir werden in kurzer Zeit iibei' diese Frage bisher unbekannte Briefe Walras ' und Paretos an den Mathematiker Laurend in der ,,Revue d'Histoire Economiqne" (Paris) veriiffentlichen. </p><p>2 Im gleichen wechselseitigen Verh~iltnis stehen auch die Schulen Paretos und Marshal ls ; aber das ist hier nicht weiter zu verfolgen. </p></li><li><p>360 G.H. Bousquet: </p><p>w~re, um diesen Nachteil aufzuwiegen . . . Fiir keine der groBen Wahrheiten der Wirtschaftstheorie . . . . . ist bisher die Begrfindung auf mathematischem Wege gefunden worden oder h~itte sie auf ihm gefunden werden kSnnen." </p><p>Wenn man weiB, welche erstaunliehe Fruehtbarkeit der Idee des Gleich- gewichtes innewohnt, eine Idee, die uns yon der mathematischen Schule gegeben wurde und uns nur yon ihr gegeben werden konnte, wenn man sich vergegenw~rtigt, was ffir Hilfe sie uns sein kann, auch fiber die reine 0konomie hinaus, so bedauert man, sich dem summarischen Urteil Wiesers nicht anschliel]en zu k5nnen 1. </p><p>I I I . </p><p>1. Der Ursprung und die Entwic!dung der wissenschaftlichen Gedan- ken Paretos zeigen, dab er der/Jsterreichischen Sehule viel verdankt. In einem Aufsatz ,,Economia Dimessa", der in einer italienischen Zeitschrift erschienen ist, erz~hlt er selbst, dab ihm die Lehren Wal ras ' erst nach dem Studium der ,,Economia Pura" yon Panta leon i , einem Werk, in dem die Theorie des Grenznutzens entwickelt ist, zugiinglieh wurden. Wenn man auBerdem die Bibliographie des ,,Cours" (I. S. 74 f.) nachschliigt, findet man, dab dort die Lektiire Mengers , Wiesers und BShm- Bawerks empfohlen ist, was doch besagt, dab er ihren Werken einen gewissen Wert beigemessen hat! AuBerdem schrieb Pareto zu dieser Zeit noch folgendes: </p><p>,,Pour notre part nous eroyons que la bonne m6thode comme te bon ouvrier se reconnait &amp; l'o~uvre et nous nous sommes servis sans aueun parti-pris de tous les moyens qui nous semblaient propres k d~couvrir la v~rit~." </p><p>Das ist eine wahrhaft wissensehaftliche Haltung 2. 2. Im Grunde genommen besteht ein Einklang innerhalb der 5ko- </p><p>nomisdlen Methoden, so auch zwischen der mathematischen und der psyehologischen. Prof. Wieser zum Beispiel schreibt folgendes: ,,Die komplexen Bildungen der Erfahrung lassen sich nicht im ganzen denken, man muB sie isolierend in ihre Elemente zer legen. . . Wie der Natur- forscher beim Experiment, so muff der theoretische 0konom bei seiner Beobachtung isolieren3. '' Und Pareto meint: ,,Si donc nous voulous ramener les sciences sociales au Type des sciences naturelles, il faut que nous proc~dions dans les premieres comme dans les secondes ell r~duisant les ph~nom~nes concrets tr~s compliqu6s ~ des ph~nom~nes th6oriques bcaucoup plus simples. " </p><p>Zwischen diesen beiden Gesichtspunkten besteht kein Unterschied. </p><p>1 Man wird unseren Freimut wohl verzeihen, worm man beriicksichtigt, dad wir selbst nidzt in der Lage sind, mathematische NationalSkonomie zu treiben, weshalb diese Ansicht kein Pl~doyer ,,pro domo" darstellt. </p><p>2 Man kann sagen, dab Pareto im ,Cours" auch die historische Methode anwendet. Jedesmal, wenn man dieses Buch oder die Soziologie aufschl~igt, ist man yon Bewunderung fiber die ungeheure historisehe Gelehrsamkeit erffillt, die dieser geniale Mann bier ausbreitet. </p><p>3 Grundril], S. 134. 4 Soziologie, 2411. </p></li><li><p>Vilfredo Pareto, seine Bedeutung fiir die 5sterreichische Schule 361 </p><p>3. Endlich scheint uns das Werk Paretos mit der 5sterreichischen Schule eine noch tiefer gehende Verwandtschaft zu haben, obwohl viel- leicht weder die mathematische noch die psychologische Schule uns in diesem Punkte recht geben werden. Was sie einigt ist, daft sie beide zu- sammenfassende Synthesen bieten; ihre Theorien sind eben im Grunde nut die Zusammenfassung der gesamten Erfahrung der klassischen Schule, eine geklrte, synthetisierte, systematisierte, objektiv und wissenschaft- lich verwendete Erfahrung. Ich mSchte sagen, dab das Material, das die Klassiker hinterlassen haben, auf zwei verschiedene Arten behandelt wurde: in der Breite yon der 5sterreichischen Schule, die es verstanden hat, ihre Grunds~tze auf alle Gebiete der 0konomie anzuwenden, in der Tiefe yon Wal ras und Pareto , die auf eine den Dingen n~herkommende Betrachtung verzichteten, uns dafiir aber yon der Gesamtheit des wirt.- schaftlichen Lebens ein Bild geben, das uns einzig die Mathematiker ver- mitteln k6nnen: das der allgemeinen gegenseitigen Abh~ngigkeit der wirt- schaftlichen Erscheinungen 1. </p><p>Deshalb erscheint jede Diskussion fiber die l~berlegenheit der einen oder anderen Methode vergeblich. </p><p>Unserer Ansicht nach muf man iibrigens noch etwas hinzufiigen: Die Art der obenerw~hnten zusammenfassenden Synthesen, die wir den beiden Lehren verdanken, schlieft, wie wit glauben, in sich, da~ ihr Eigenleben nicht weir davon entfernt ist, sich zu erschSpfen, und unter den mathe- matischen /Jkonomen kSnnten wir Sens in i und de P ie t r i -Tone l l i , die beziiglich ihrer speziellen Wissenschaft dieser Meinung sind, als Zeugen anffihren ~. Das soll natiirlich nicht besagen, daft die Unterweisungen der beiden Lehren zwecklos seien. </p><p>4. Beide Schulen besitzen auch ein hohes philosophisches Interesse. Man weir, dab die modernen Denker zu der Annahme neigen, die wis- senschaftlichen Theorien seien nur ,,moyens utiles", ,,commodes", wie H. Po incar~ sagt, ,,Kunstgriffe", wie sich Hans Va ih inger ausdrfickt, um die Wirklichkeit zu erfassen. Wenn wit uns nun in irgendeine Seite des Manuel yon Pareto vertiefen, die mit mathematischen Zeichen be- deckt ist, oder wenn wit eine so subtile Darstellung wie die yon BShm- Bawerk lesen, so ist es uns unm6glich zu glauben, dab dies treue Ab- bilder der Wirklichkeit seien. Abet gerade dadurch, dab sie diejenigen Zfige aufweisen, die die Philosophen den Naturwissenschaften zuschreiben, sind diese Theorien im wahrsten Sinne wissenschaftliche. </p><p>5. Wir glauben nun durch obige Darlegungen gezeigt zu haben, dab sich die mathematis~e und 5sterreichische Schule im Grunde viel mehr fihneln, als etwa Pareto zugestehen wollte. Aus dem Gesagten l~ft sich folgender SchluB ziehen: da die beiden Schulen sich jetzt, ihrem Wesen gem~B, sehr nahe kommen, und da jede fiir sich einen hohen wissenschaft- </p><p>1 Vgl. hiezu das vortreffliche Werk von P. Duhan: La Th6orie physique, son objet, sa structure", woes heiBt: ,Une infinitfi de fairs th6oriques diff6rents peuvent ~tre pris pour la traduction d'un m~me fait pratique." (S. 197.) Hier haben wit es meines Erachtens mit etwas ~hn]ichem zu tun. </p><p>2 Die tiefen Studien Prof. Amorosos kSnnten zwar dagegen sprechen. </p><p>Zeltschr. f. NaUonatSkonomte, XV. Bd., Heft 3 24 </p></li><li><p>362 G.H. Bousquet: </p><p>lichen Wert hat, so wird man in der theoretischen NationalSkonomie nicht weiterkommen, bevor man nicht eine Synt...</p></li></ul>