Walter Schiffer »Im Anfang schuf Gott«. Zwei dialog-bb.de/files/Im_Gespraech_  · Schon in der jüdischen…

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    17-Sep-2018

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    Walter Schiffer

    Im Anfang schuf Gott. Zwei biblische Meditationen1

    Erster MorgenDie Schrift beurkundet den Gang des adam, des Menschen auf der Erde durch Ta-ge und Jahre unter dem Himmel Gottes. ER schuf, so erzhlt das erste Buch Mose(bereschit2/Im Anfang), den Himmel und die Erde und damit den sicheren Raumfr die Existenz des Menschen in der Zeit.3

    Es beginnt: {yhl) )rb ty#)rb/bereschit bara lohim / Im Anfang schuf Gott ...Schon in der jdischen Antike fragen sich die Rabbinen: Warum beginnt die

    Tora mit einem b/Bet, dem zweiten Buchstaben des Alphabets? Da nach ihrerVorstellung die Tora Gott als Plan zur Schpfung diente, so wie ein Architekt sich

    an seiner Zeichnung orientiert, versuchen sie zu ergrnden, wa-rum ihm das Bet und nicht der erste Buchstabe, das )/Alef alsWerkzeug diente?

    Die Gelehrten der Schrift gehen bei der Beantwortung dieserFrage der Gestalt des Zeichens nach und deuten es theologisch:Das Bet ist nach drei Seiten hin geschlossen, offen ist es lediglichzu der Seite hin, in welche die Leserichtung weist. Daraus schlieen

    sie, dass es nicht geboten sei, nach dem zu forschen, was vor, ber oder unterdiesem Tag der Schpfung war, allein von diesem Tag an sei es erlaubt zu fragenund auszulegen, was sich in der Geschichte Gottes mit der Welt und adam ereignenwerde.

    Aus der Tatsache, dass die Buchstaben des hebrischen Alfabets auch Zahlwertbesitzen (Alef/)/1; Bet/b/2; Gimel/g/3 usw.), erffnet sich eine andere Deutung:Das Bet wurde deshalb auserwhlt, mit ihm die Schpfung zu beginnen, weil es frdie Zwei steht. Die Weisen schlieen daraus, dass mit Gottes Schpfung der Grund-stein nicht nur fr diese Welt, sondern auch fr die kommende Welt gelegt sei.Damit ist bereits das Zeitalter der Erlsung in Aussicht gestellt.

    Weiterhin erscheint den Rabbinen von besonderer Bedeutung, dass das Verb\rb/barach/preisen, segnen mit einem Bet beginnt. In dem Buchstaben-Midrasch,der Rabbi Akiba zugeschrieben wird, bietet sich jeder Buchstabe im Gesprch mitGott an, dass mit ihm die Welt gebaut werde. Das Bet argumentiert: Herr derWelt! mchte es dein Wille sein, dass du mit mir deine Welt erschaffst, denn mitmir preisen vor dir alle Weltbewohner an jedem Tage, wie es heisst (Ps. 89,53):Gepriesen (\wrb/baruch) sei der Ewige ewiglich. Amen und Amen. und Gott

    b

    1 Es ist bei den Tagungen der Pdagogischen Sektion der Martin Buber-Gesellschaft freinige Teilnehmende Tradition, die Tage in besinnlicher Form in der Kapelle zu begin-nen. So fanden whrend der Tagung Erziehung zwischen Seinsvertrauen und Gott-vertrauen (27. bis 29 Mrz 2009) zwei der sog. Starts in den Tag statt, die hiernachtrglich verschriftlicht werden.

    2 Statt der wissenschaftlichen wurde eine vereinfachte Umschrift eingefgt.3 Vgl. zu Gen 1 die Kommentare von Hirsch, Jacob, Ebach und Krochmalnik.

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    willigt ein. (Wnsche 1909, S. 180) So gehen die Weisen davon aus, dass wegendieser Entscheidung davon auszugehen ist, dass Gottes Schpfungswerk unterSEINEM Segen steht.

    Die Schrift beginnt mit einem Bet: Gottes Geschichte mit seinem Volk Israelund mit der Menschheit steht unter seinem Segen und hat die Erlsung zum Ziel.

    Die ersten beiden Verse der Schpfungserzhlung lauten nach Buber/Rosen-zweig:

    1 Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.2 Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal.

    Finsternis ber Urwirbels Antlitz.Braus Gottes schwingend ber dem Antlitz der Wasser.

    Fr nicht an die Buber/Rosenzweigbertragung gewhnte Ohren klingt es merk-wrdig: Irrsal, Wirrsal, Urwirbel, Braus Gottes.

    Nach Martin Buber und Franz Rosenzweig sollen die hebrischen Worte, dieauch in der Ursprungssprache aus alten Schichten stammen, in der Verdeutschungebenso alt klingen. Deshalb bertragen sie das whbw wht/tohu wawohu mit Irrsalund Wirrsal. In den Grundbedeutungen stehen die Worte fr erschrecken, Wsteund Leere. Wenig einladend mutet das weitere Wort {wht/tehom/Urwirbel an,steht es doch fr die abgrndige, undurchdringliche Erdentiefe. Darber liegt dieFinsternis, ebenso furchteinflend, weil sie im Alten Orient von Dmonen bevl-kert gilt (vgl. Keel), die den Menschen nach dem Leben trachten. So skizziert derbiblische Erzhler mit wenigen Worten eine bedrohlich wirkende Urszene wreda nicht im zweiten Versteil Hoffnung angezeigt: {yhl) xwr/ruach lohim/derBraus Gottes schwingt ber dem Antlitz der Wasser. Die Bedeutung der ruach reichtvom leichtem Wehen bis zum heftigen Sturm, ein Element, das Bewegung bringt.Ebenso wirkt sie in der Wortvariante Geist Gottes. Buber/Rosenzweig scheutensich, in ihrer bertragung die Bedeutung Geist einzutragen, galt sie ihnen dochals unlsbar mit platonischen Assoziationen verknpft, deshalb whlten sie Wind-braus oder gegebenenfalls Geistbraus. Diese Dynamik Gottes ist also bereitsber den Wassern. Was macht sie dort? Schweben, flattern, spreiten ...? Alle die-se Mglichkeiten verwerfen sie in ihrer bersetzungswerkstatt und setzen frtpxrm/merachft schwingend. Dieses Wort kommt nur noch ein Mal in der Toravor und so besagt eine klassische hermeneutische Regel der Rabbinen, die auchfr Buber und Rosenzweig bei ihrer bertragungsarbeit leitend ist (s. u.) stiftetsomit einen Interpretationszusammenhang. Die Parallele lautet im fnften BuchMose (Dewarim/Reden):

    32,11 Wie ein Adler erweckt seinen Horst,ber seinen Nestlingen schwingt,seine Flgel spreitet, eins aufnimmt,es auf seinem Fittich trgt [...]

    Wie der Adler die Flugversuche der Jungen bewacht und helfend eingreift, umGefahr abzuwenden, so schwingt auch durch die finstere Anfangsszene der Schp-fung der Braus Gottes als Garant der Frsorge und Rettung.

    Im Anfang schuf Gott. Zwei biblische Meditationen

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    Wir hren die folgenden Verse der Schpfungserzhlung (Gen 1,38):

    3 Gott sprach: Licht werde! Licht ward.4 Gott sah das Licht: da es gut ist.

    Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis.5 Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht!

    Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.6 Gott sprach:

    Gewlb werde inmitten der Wasserund sei Scheide von Wasser und Wasser!

    7 Gott machte das Gewlbund schied zwischen dem Wasser das unterhalb des Gewlbs war und dem Wasser

    das oberhalb des Gewlbs war.Es ward so.

    8 Dem Gewlb rief Gott: Himmel!Abend ward und Morgen ward: zweiter Tag.

    Durch das Wort Gottes wird das Licht und alles Weitere ins Leben berufen, aberbeim Licht, bei diesem ersten Werk zeigt sich beispielhaft die sofortige Wirk-samkeit (Jacob 2000, S. 31). Wenn auch hier kein Kampf zwischen Licht undFinsternis inszeniert ist, so wird der Bereich der Finsternis doch eingeschrnktund das Licht greift Raum (Ps 104,2: Gott [] der das Licht um sich schlingt wieein Tuch). Spter (V. 1419) hngt Gott die Leuchten Sonne und Mond an dasFirmament, auf dass sie herrschen ber Tag und Nacht. So ist es gut.

    Nun muss aber noch die Gefahr gebannt werden, die von den himmlischen Was-sern ausgeht. Deshalb macht Gott das Gewlb, um (nach den Gegenstzen vonHimmel und Erde, Licht und Finsternis, Tag und Nacht) eine Trennung zwischenden Wassern oberhalb und unterhalb der Feste vorzunehmen. Dazu bedarf es wie die Grundbedeutung der Wurzel (qr/raka/Plattschlagen, Niederstampfen,Niedertreten einer festen Masse (Hirsch 1996, S. 12) nahelegt einer gleichsamdnngeschlagenen metallenen Ausdehnung, die die Erde berwlbt. Wie notwen-dig dieses wasserdichte Firmament ist, wird sogleich deutlich, wenn man be-denkt, was geschieht, wenn dieses Schpfungswerk zurckgenommen wird, sichbei der Flut (7,11 f.) die Luken des Himmels ffnen und sich ein Schwall berdie Erde ergiet. Aber erst einmal wird die Wlbung gesetzt, und eine weitereTeilung wird vorgenommen, die zwischen Wasser und Trockenem, Erde und Meere:

    9 Gott sprach:Das Wasser unterm Himmel staue sich an einen Ort,und das Trockne lasse sich sehn!Es ward so.

    10 Dem Trocknen rief Gott: Erde! und der Stauung der Wasser rief er: Meere!Gott sah, da es gut ist.

    11 Gott sprach:Sprieen lasse die Erde Gespro,Kraut, das Samen samt, Fruchtbaum, der nach seiner Art Frucht macht darin sein

    Same ist, auf der Erde!

    Walter Schiffer

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    Es ward so.12 Die Erde trieb Gespro,

    Kraut, das nach seiner Art Samen samt, Baum, der nach seiner Art Frucht macht darin sein Same ist.

    Gott sah, da es gut ist.13 Abend ward und Morgen ward: dritter Tag.

    Damit ist die Erde, der bewohnbare sichere Ort, bereitet, der der Menschheitund der Tierwelt alles bieten wird, was sie zum Leben brauchen. Adam ist gutversorgt und das ist gut so.

    Die Erde wird hier als h#byh/hajabaschah/das Trockene bezeichnet. Dasruft nach biblischem ABC Assoziationen hervor.

    Methodische Zwischenbemerkung: Buber und Rosenzweig greifen wie be-reits angemerkt bei ihrer bertragungsarbeit auf alte rabbinische Hermeneutik-regeln zurck: Worte, die von ihrem Buchstabenbestand oder von ihren Lautenhnlich sind (Paronomasie), stiften Sinnzusammenhnge. Damit diese Verbindun-gen in der Verdeutschung ersichtlich bleiben, werden hebrische Begriffe in derdeutschen Sprache immer mit demselben Wort bzw. Wortstamm wiedergegeben(z. B. 2Sam 19,19: rb(/abar/fhren, Fhre, fahren). Dieses Prinzip soll nicht nurbei nahe beieinander liegenden Worten, sondern auch auf Distanz gewahrt wer-den. Denn Buber und Rosenzweig gehen davon aus, dass durch dieses so entste-hende Leitwortsystem verschiedene Textstellen aufeinander bezogen sind undsich so gegenseitig auslegen. Dass die Gesetze der Paronomasie eingehaltenwerden, darber wacht nach Bubers Aussage Rosenzweig mit genialer Pedan-terie (Rosenzweig, Mensch IV, 2, S. XII). Bubers Anliegen ist es, den hebrischenGehalt einzelner Worte wieder auszugraben und auf Urbedeutungen zurckzu-greifen. In der Entfaltung des Projekts entwickelt auch Rosenzweig auf diesemGebiet groen Eifer, wobei ihm weniger die wirkliche Etymologie, als die in derSchrift geltende Volksetymologie am Herzen liegt. Rosenzweig schreibt im Mai1929 an Joseph Carlebach: Prinzipiell haben Sie auch mit der Warnung vor ber-treibung des an sich berechtigten Eindringens in den Wortgehalt recht. Da bin ichdas Karnickel. Buber fhrt tglich schriftlich und einmal wchentlich mndlichgegen mich mit Leidenschaft und Spott die Sache des armen Lesers. (Mach, Ro-senzweig, S. 264)

    Wenn demnach die beste Auslegerin der hebrischen Bibel diese selbst ist,lohnt es auf die Leitworte zu achten.

    Die Wurzel #by/jabasch/austrocknen bzw. das Trockne begegnet uns nach Schp-fung (Gen 1,9 f.) und Flut (Gen 8,7.14) wieder, wenn nach allumfassender ber-schwemmung und Aussendung der Raben und der Taube Noach die Decke desKastens beiseite nimmt und sieht, dass die Erde ausgetrocknet ist. So ist gleich-sam ein zweiter Anfang gemacht und fr den noachidischen Menschen ein trocke-ner Lebensgrund geschaffen, auf dem unter dem Bogen des Bundes ein neugeord-netes Leben beginnen kann.

    Die zweite Stelle zeigt Gottes Liebeserweis gegenber seinem Volk, SEINEgroe Befreiungstat: Auf dem Weg aus dem Haus der Dienstbarkeit gyptenssteht Israel vor dem scheinbar unberwindbaren Meer, aber (Ex 14,21 f.)

    Im Anfang schuf Gott. Zwei biblische Meditationen

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